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Versicherungen im Weltall

Der Transport und Betrieb von Satelliten ist Big Business. Ohne Versicherer wäre die Entwicklung nicht möglich gewesen.

Wert aller versicherten Satelliten ungefähr 30 Milliarden Euro.

Circa 1200 bis 1300 aktive Satelliten umkreisen heute nach Schätzungen der Europäischen Raumfahrtagentur ESA die Erde. Sie beobachten das Wetter, vermessen die Landschaft, navigieren Autos oder bringen das Fernsehen in Milliarden Haushalte. Und sie sorgen dafür, dass Menschen selbst in den entlegensten Winkeln der Erde telefonieren können. Kurzum: Ohne die künstlichen Erdtrabanten wäre das moderne Leben überhaupt nicht möglich.

 

Versicherungen sind in der kommerziellen Raumfahrt Standard

 

Und daran haben die Versicherer einen Anteil. Ohne sie würden viele Raketen gar nicht abheben. „In der kommerziellen Raumfahrt sind Versicherungen inzwischen Standard“, sagt Christian Riedl, Leiter der Sparte für Raumfahrtabteilung bei Munich Re. Immerhin 200 bis 300 Mio. Dollar kosten Rakete und Satellit im Schnitt – Geld, das sich die Betreiber von den Banken besorgen. „Die bestehen auf eine Versicherung, um ihr Finanzierungsrisiko zu begrenzen“, so Riedl.

 

Zu seinen Kunden zählen auch Staaten oder staatliche Organisationen, wenngleich sie sich deutlich seltener absichern. „Im Zweifel kommt eben der Steuerzahler für Schäden auf“, so Riedl. Die sind auch bei staatlichen Missionen nicht ausgeschlossen: So verlor beispielsweise die Nasa 2014 eine unbemannte Rakete, die Ausrüstung zur internationalen Raumstation ISS bringen sollte. Sie explodierte nur 15 Sekunden nach dem Start.

 

Hälfte aller Schäden in der Startphase

 

Dies zeigt: Trotz technischer Verbesserungen, die Weltraumflüge sicherer und zuverlässiger gemacht haben, lauern auf dem Weg ins All noch immer viele Gefahren. Am kritischsten ist die Startphase. „Gut die Hälfte der Schäden entfällt auf diesen Zeitraum“, so Riedl. Konstruktions- oder Materialfehler können Brände auslösen, die die Trägerrakete zur Explosion bringen und den Satelliten gleich mit vernichten.

 

Selbst nachdem der Start gelungen ist, kann noch einiges schief gehen. Entkoppelt sich der Satellit planmäßig von der Rakete? Erreicht er aus eigener Kraft die vorgesehene Umlaufbahn? Und funktionieren Steuerung, Solarkollektoren und Übertragungseinheiten richtig? Erst im Einsatz offenbaren sich Fehlfunktionen, die auf Herstellungsfehler zurückzuführen sind. Auch kosmische Strahlung setzt den elektronischen Bauteilen während der Betriebszeit zu.

 

Weltraumversicherungen decken alle Risiken ab

 

All diese Gefahren müssen die rund ein Dutzend größeren Versicherer berücksichtigen, die Weltraumversicherungen anbieten – darunter auch die Allianz und Hannover Rück mit ihren Tochtergesellschaften. Denn es handelt sich um sogenannte All-Risk-Policen. Das heißt, die Versicherer kommen für Teil- oder Totalschäden am Satelliten auf – unabhängig von der Ursache. In der Regel werden die Verträge getrennt abgeschlossen: eine für die Startphase einschließlich des ersten Jahres, in dem der Satellit sein volle Funktionsfähigkeit unter Beweis stellen muss. Später deckt eine sogenannte In-Orbit-Versicherung die Risiken während des Betriebs ab. Diese Verträge werden üblicherweise jährlich abgeschlossen, können sich aber auch auf die gesamte Lebensdauer des Satelliten erstrecken.

 

Die Höhe der Prämie bemisst sich am Risiko, das Versicherer anhand von Statistiken bewerten. So gelten die europäischen Ariane-Raketen beispielsweise als zuverlässige Transporter, russische Proton-Raketen als eher fehleranfällig. Das macht sich in den Prämien bemerkbar. Auch bei den Satelliten können Versicherer anhand von Erfahrungswerten zwischen guten und schlechten Fabrikaten unterscheiden.

 

Weltraumschrott ist eine wachsende Gefahr

 

Eine steigende Gefahr – unabhängig von der Qualität des Satelliten – ist der Müll im All. Nach Schätzungen der ESA fliegen rund 750.000 Schrottteilchen mit mindestens einem Zentimeter Durchmesser im Orbit – Überreste von bewusst abgeschossen oder explodierten Satelliten. In erdnahen Umlaufbahnen kann die Kollision mit einem dieser Teilchen einen Satelliten so schwer beschädigen, dass er komplett ausfällt: „Wir beobachten die Entwicklung ganz genau“, betont Riedl.

 

Schließlich steht für die Assekuranz einiges auf dem Spiel: Auf gut 30 Mrd. Dollar schätzt die Vereinigung der Internationalen Raumfahrtversicherer (IUAI) den Wert aller versicherten Satelliten – 60 davon in erdnahen Umlaufbahnen von wenigen hundert Kilometern; 200 im geostationären Orbit gut 30.000 Kilometer entfernt.

 

Leistungsstärkere Satelliten

 

In der Industrie geht derweil die Angst um, weil die Bestellungen im Augenblick zurückgehen. Die Sorge: Künftig könnten weniger Satelliten benötigt werden, weil neue Modelle eine bis zu tausendmal höhere Übertragungskapazität haben als ältere. Riedl ist um die Zukunft seines Geschäfts aber nicht bange: „Mit leistungsstärkeren Satelliten werden auch neue Dienste möglich.“ Ein Beleg dafür sei das Projekt OneWeb – ein geplantes Netz aus etwa 900 Satelliten, das überall auf der Erde für schnelles Internet sorgen soll. Zudem gehen laut Riedl staatliche Organisationen dazu über, die von ihnen genutzten Satelliten an private Betreiber auszulagern – selbst im militärischen Bereich. Auf Sputnik 1 dürften wohl noch etliche Himmelskörper folgen.