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17.03.2017 von Manfred Wartenberg, Pegasystems und Uwe Korte, Capgemini

IoT sorgt für Umwälzungen in der traditionellen Versicherungswirtschaft

Versicherungen ermöglichen es der Welt, trotz allgegenwärtiger Risiken zu funktionieren. Doch jetzt, da sich die Art und Weise, wie Risiken verwaltet werden, unwiderruflich verändert hat, ist es für die Versicherer an der Zeit, sich zu fragen, ob sie sich damit zufrieden geben wollen, ihr eigenes Unternehmen zu gefährden, indem sie sich den notwendigen Weiterentwicklungen verweigern.

Manfred Wartenberg, Vertriebsleiter Versicherungen DACH bei Pegasystems, und Uwe Korte, Leiter Business Technology Versicherungen bei Capgemini, fragen, ob die Versicherungsbranche bereit ist, die neue Normalität anzunehmen.

Ein neues White Paper von Pega und Capgemini zeigt, dass das Internet der Dinge (IoT) bereits eine wichtige Rolle beim Management von Risiken sowie bei der Verringerung und Vorhersage von Ansprüchen spielt. So können beispielsweise Ärzte durch den Zugriff auf Daten von Wearables die Vorsorge verbessern, indem sie die Aktivitäten von Patienten mit Herzproblemen in Echtzeit überwachen und sie kontaktieren, damit diese ihr Verhalten entsprechend verändern, bevor daraus Nachteile für sie entstehen. Ebenso können Physiotherapeuten durch die Überwachung die Einhaltung von Rehabilitationsprogrammen besser kontrollieren. Auf ähnliche Weise können Häuser mit Sensoren die Besitzer vor Bränden oder Überschwemmungen warnen.

 

Für eine Branche, die auf der Reduzierung von Risiken aller Arten durch ein traditionelles System von Prämien und Ansprüchen beruht, machen solche Fortschritte die Zukunft allerdings weniger sicher. Ein Bericht von Capgemini verweist darauf, dass der Wert der Ansprüche im Verhältnis zu den Risiken drastisch abfallen wird; der potenzielle Wertverlust könnte 20 bis 40 Prozent betragen, was entsprechend tiefgreifende Auswirkungen auf die Nachfrage nach Versicherungen und die Prämieneinnahmen haben könnte.

 

 

Die Ursache dafür ist, dass der technische Fortschritt die Art und Weise grundlegend verändert, in der Konsumenten und Unternehmen mit Risiken umgehen um zum vielleicht größten Aufrütteln ihrer Geschichte in der Versicherungsbranche führen könnte. Schon gibt es fahrerlose Autos, und obwohl sie nicht in der Lage sind, Autounfälle von sich aus zu beseitigen, verändern sie im Falle eines Zusammenstoßes mit einem anderen Fahrzeug das Gleichgewicht von Risikomanagement und -minderung – mit entsprechenden Auswirkungen auf Versicherungsprämien. Es bleibt abzuwarten, ob diese Verringerung der Kosten der Versicherungsprämien durch eine vergleichbare Erhöhung der Gebühren für das Risikomanagement ersetzt werden kann.

 

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich das Leben in einer Welt, in der Autounfälle Vergangenheit sind, Krankheiten diagnostiziert und verhindert werden, bevor sie wirksam werden, und wo Hausschäden durch Überschwemmungen oder Feuer verhindert werden, erheblich verbessern würde. Das mag nach einer Science-Fiction-Story im Stile von Steven Spielbergs "Minority Report" klingen, und nicht als etwas, das in der Realität zu erreichen ist – und in den meisten Fällen dürfte das ja auch zutreffen. Aber die Wahrheit ist, dass Technik und Innovation es erlauben, diesem Ziel immer näher zu kommen und wenn auch Risiken nicht gänzlich zu eliminieren sind, so werden sie zumindest so weit reduziert, dass sie nur noch einen minimalen Einfluss auf uns alle haben werden.

 

Das bedeutet, dass wir in einer Welt leben, in der die Risiken selbst reduziert werden. Es ist nicht absehbar, dass sich die Verbreitung von verbundenen Geräten, in Verbindung mit technischen Entwicklungen, abschwächt – und damit steht die Versicherungswirtschaft an einer Art Weggabelung. Soll sie sich nach links wenden und weiter auf dem Weg der herkömmlichen Risikominderung gehen, die wahrscheinlich zu reduziertem Prämienaufkommen und einem Verlust der Markenidentität führen wird? Oder wendet sie sich nach rechts auf den datengetriebenen Highway und realisiert eine neue Art des Versicherungsgeschäfts? Wenn die Versicherungswirtschaft in einer Zukunft, die zunehmend von Risikomanagement geprägt ist, überleben will, gibt es hier nur eine Option.

 

Ohne Zweifel wird sich die neue Normalität in der Versicherungswirtschaft deutlich vom heutigen Modell unterscheiden, und es bedarf einer signifikanten Veränderung des Denkens, wenn die Versicherer wirklich von dem proaktiven Ansatz einer "Versicherung 2.0" profitieren wollen. Anstatt sich wie früher passiv und reaktiv zu den Ereignissen zu verhalten, wird die Versicherung 2.0 die Versicherer zwingen, im Verkehr mit ihren Kunden eine aktive Rolle zu spielen. Wenn sie früher nur einmal im Jahr mit einem Kunden interagiert hatten, vielleicht anlässlich der Erneuerung einer Prämie, so verlangt das neue Modell, dass sich Versicherer jede Sekunde des Tages auf diese Beziehung ausrichten. Wie bei allen Dingen kann Versicherung 2.0 die Risiken nicht vollständig beseitigen, aber für Versicherer ist das der beste Weg, um zu überleben und zu wachsen.

 

Die Versicherer müssen mit Kunden und möglicherweise auch mit Hardware- und Softwareherstellern zusammenarbeiten, um Möglichkeiten zu finden, wie sie auf die Daten zugreifen können, die Kunden durch die Technik zur Verfügung stellen, beispielsweise von Smartphones, Wearables, Industriemonitoren und IoT-verbundenen Geräten. Die Versicherer werden sich dabei durch den Mehrwert, den sie für ihre Kunden hinzufügen und durch die Flexibilität ihrer Prämiengestaltung unterscheiden. Versicherer, die in der Lage sind, die Daten für einen optimalen Service zu nutzen, werden am erfolgreichsten sein.

 

Versicherung 2.0 als Konzept

 

In diesem Modell werden Versicherer und Versicherungsnehmer zusammenarbeiten, um eine werthaltige, langfristige Partnerschaft zu begründen, die sich auf die Verbesserung der Lebensqualität konzentriert. So kann beispielsweise ein Versicherer das Wasser in einem gewerblichen Anwesen überwachen, chronische Leistungsprobleme beispielsweise bei der Performance einer Zentralheizung feststellen oder vor akuten Problemen aus Leckagen warnen. Das datengetriebene Modell bietet Kunden einen erheblichen Mehrwert und erlaubt im Rahmen einer vertrauenswürdigen Beziehung, die Möglichkeit für die Versicherer, gute und schlechte Risiken zu identifizieren, die Schadensauszahlungen zu minimieren und relevante Produkte und Dienstleistungen zu vermarkten – eine Win-Win-Situation für beide Seiten.

 

Tatsächlich verändert das Konzept der Versicherung 2.0 das ganze Spiel – und die Versicherer müssen schnell entscheiden, welchen Weg sie an dieser Kreuzung einschlagen. Das IoT ist keine IT-Implementierung, es bedeutet einen Wechsel des Geschäftsmodells. Viel hängt davon ab, in welchem Umfang die Technologie übernommen wird, aber es besteht eine große Chance, dass, wenn einige der klügsten Unternehmen der Branche beschließen, den Sprung zu wagen und ihre Geschäftsmodelle bald ändern, dass dann der Rest der Branche den Wechsel vollständig vollziehen kann – schon in den nächsten zwölf Monaten.