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03.08.2018 von hs

„Die laufende Digitalisierung und die Industrialisierung des Denkens sind quasi evolutionäre Prozesse“

Womöglich wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Die Strukturen der Versicherungswirtschaft, wie wir sie heute kennen, dürften schon in einigen Jahren passé sein. Doch wie werden sich die Kräfte konkret verschieben? An welchen Stellschrauben müssen die Verantwortlichen jetzt drehen? Und wie optimistisch kann die Branche allen zu erwartenden Veränderungen zum Trotz sein? Um diese Fragen zu klären, hat sich die Redaktion der vb Versicherungsbetriebe bei Experten  angefragt – und spannende Antworten erhalten.  

Holger Rommel, COO Adcubum,

Die Serie beginnt mit Holger Rommel, COO Adcubum Holger Rommel, COO Adcubum, über die Zukunft der Versicherungen.

 
Wie wird die Digitalisierung das Geschäftsmodell der Zukunft verändern?

Die Arbeitsweise der Versicherungswirtschaft wird sich stark verändern, da Denkprozesse durch die Digitalisierung zunehmend rationalisiert und industrialisiert werden. Immer mehr Prozesse werden also vollautomatisch ablaufen und sich sogar selbstständig an wechselnde Rahmenbedingungen anpassen können. Zudem werden die Versicherungsprodukte immer stärker in andere Produkte eingebettet werden. Das betrifft zum Beispiel den Versicherungsschutz für intelligente Maschinen wie autonome Haushaltshelfer, vernetzte Häuser oder selbstfahrende Autos.

Welche Geschäftschancen ergeben sich aus dem Megatrend Digitalisierung? 

Digitalisierung meint ja zum einen den digitalen Vertriebskanal und zum anderen den angestrebten hohen Rationalisierungsgrad. Die Situation scheint hier vergleichbar zu der bei den Banken zur Jahrtausendwende: Digitale Banken schossen damals wie Pilze aus dem Boden. Sie waren voll auf das digitale Geschäft fokussiert, persönliche Beratung gab es keine – die klassischen Retail-Banken hatten dafür neben der klassischen Kundenbetreuung kaum digitale Zugänge. Irgendwann hat man dann gemerkt, dass die technologischen Herausforderungen bei „normalen“ Banken die gleichen sind wie bei Digitalbanken, und dass auch „digitale Kunden“ ab und zu einen Berater sprechen möchten – und hat die beiden Kanäle zusammengeführt. In der Assekuranz wird das wahrscheinlich ähnlich laufen. Eine wirkliche Verschiebung der Kräfte dürfte dann eintreten, wenn es einem Marktteilnehmer gelingt, das Geschäftsmodell grundlegend zu ändern. Also nicht nur dasselbe auf einem anderen Weg zu bieten, sondern etwas wirklich anderes, das aber einen ähnlichen Bedarf deckt. Ein gutes Beispiel liefert hier die Unterhaltungsindustrie: Nicht der Wechsel von der VHS-Kassette zur DVD hat den Markt komplett verändert, sondern die Einführung von Video-Streaming-Abos als Alternative zu Kauf oder Miete von Filmen.

Was müssen Versicherungen jetzt tun, um gestärkt in die Zukunft zu gehen?

Die laufende Digitalisierung und die Industrialisierung des Denkens sind quasi evolutionäre Prozesse. Dabei wird die „ökologische Nische“ für den klassischen Versicherer immer kleiner. Es ist daher wichtig, die Möglichkeiten der Digitalisierung zügig zu nutzen, um sich möglichst schnell aus dieser Nische wegzubewegen – ansonsten wird es irgendwann ziemlich eng. Die Argumente aus der Versicherungswirtschaft, dass es auch in Zukunft immer so weitergeht wie bisher, sind die gleichen, die es in der Fertigungsindustrie vor mehr als hundert Jahren gab. Und so wie damals wird sich der Trend zur Industrialisierung auch diesmal nicht aufhalten lassen.