Versicherungsbetriebe > Strategie

12.12.2017 von Stephan Vogt, Vice President, Volker Kuth, Principal FIS ­Insurance ­Germany

Die Jagd nach Wachstum in der europäischen Versicherungsbranche

Es ist längst keine ­Binsenweisheit mehr, dass die Digitalisierung das Potenzial hat, die Versicherungs­branche durcheinander zu wirbeln, und die Branche ist sich dessen mehr als bewusst – ­insbesondere, da sie noch immer dazu tendiert in punkto Innovation und Neuerungen ­anderen Institutionen der Finanzindustrie hinterherzuhinken.

In einer neuen globalen Studie des Softwareherstellers FIS und der Markt- und Meinungsforscher Longitude Research ­gaben über 80 Prozent der befragten ­Ver­sicherungsunternehmen an, dass sich die wesentlichen Herausforderungen der ­Zukunft nur durch einen stärkeren Fokus auf Innovation meistern lassen.Kunden­zufriedenheit/-bindung wurde dabei als wichtigste Strategie zur Erzielung von Wachstum und dem Ausbau von Wettbewerbsvorteilen gesehen. Obwohl neuen Technologien dabei eine Schlüsselrolle ­zukommt, ist den Unternehmen bewusst, dass sie in punkto Digitalisierung derzeit noch starke Defizite aufweisen. Die besten Chancen sollten jene Versicherungen haben, denen es gelingen wird, möglichst zügig ein neues Betriebskonzept auf die Beine zu stellen, das internes Silodenken durch fortschrittlichere Strukturen und ein zentralisiertes Modell zum Datenmanagement und der Datenanalyse zulässt. In Deutschland beschäftigt sich fast jeder Versicherer aktuell mit mehr oder minder fortgeschrittenen Initiativen zum Thema Digitalisierung. 

 

Im Hinblick auf die Umsetzung zukunftsweisender Wachstumsstrategien nannten die Befragten ihre derzeitige IT-Landschaft als wesentlichen Hemmschuh, gefolgt von Bedenken hinsichtlich Datensicherheit, die insbesondere beim Thema Cloud deutlich werden,  und mangelnden finanziellen Ressourcen. Finanzielle Ressourcen wurden in der Studie seitens verschiedener Abteilungen ins Spiel gebracht – hier empfiehlt es sich also, angepasste Budgets für Innovationen zur Verfügung stellen. Auch bzw. gerade im Hinblick auf die Regulierung: Stetig wachsende regulatorische Anforderungen führen dazu, dass wertvolle Ressourcen, die für Innovationen und die Erschließung neuer Geschäftsfelder gebraucht würden, eher zur Erfüllung der Auflagen zum Einsatz kommen. So ist kein Wunder, dass 62 Prozent der europäischen Unternehmen regulatorische Anforderungen als Hürde für ihre Wachstumspläne in den nächsten 12 Monaten sehen. Die Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit in Bezug auf Innovationen variiert je nach Größe des Instituts stark. Während etwas mehr als ein Drittel der größten Unternehmen sich für innovativer als die Wettbewerber halten, wird diese Einschätzung nur von einem Viertel der kleineren Häusern geteilt. Einer der Gründe dafür könnte in den deutlich höheren ­Budgets der großen Institute liegen. Zudem führt ihre geographisch umfassendere ­Verbreitung häufig zu einer vielfältigeren Informationsgewinnung aus den unterschiedlichen Regionen. Insbesondere auf Vorstandsebene sieht man die Innovationsfähigkeit des eigenen Unternehmens derzeit besonders nüchtern. Als besonders innovativ erwiesen sich dabei die Lebensversicherer. Dies dürfte vor allem dem zunehmend herausfordernden fiskalischen Umfeld ­sowie der harten Konkurrenz durch andere Finanzdienstleister außerhalb der Ver­sicherungsbranche geschuldet sein. Bei allen befragten Instituten liegt die Verantwortung für das Thema Innovation bei den IT- und Technologie-Teams beziehungsweise mehrheitlich beim Chief Techno­logy Officer (CTO), der leitenden Stelle für IT und Technologie. 

 

Bemerkenswert sind die Ergebnisse zu der Frage, wie die verschiedenen Abteilungen ihre Rolle bei einzelnen strategischen ­Geschäftszielen sehen. Für Innovation ­sehen 65 Prozent der Befragten den CTO als hauptverantwortlichen Treiber. Die IT selbst – an die man bei digitaler Innovation sicher zuerst denken würde – sieht sich insbesondere in der Pflicht, eine Verbesserung des Kundenerlebnisses, des Managements von Risiken und Kapital sowie eine Optimierung der Profitabilität zu unterstützen. Umgekehrt sieht sich fast keine der untersuchten Abteilungen (Rechnungswesen/Buchhaltung, IT, Bestands-Administration, Risiko/Aktuariat) in der Verantwortung, neue Vertriebskanäle zu etablieren, obwohl es hier direkt um die Erschließung von Quellen möglicher neuer Erträge geht. Im Rahmen der Studie warfen die Forscher auch einen Blick auf die Themen Outsourcing/Cloud, das bemerkenswerterweise auch international erst jetzt Einzug in die Versicherungsbranche hält. Auch spät werden die Chancen erkannt, die mit Themen Big Data und Co. sowie mit fortschritt­lichen Datenanalysen verbunden sind. So halten 69 Prozent der europäischen Unternehmen diese Technologien für sehr relevant als Kompetenzbereich im Unternehmen. Der Großteil der geplanten Investitionen soll laut der eigenen Einschätzungen der Befragten in die verbesserte Interaktion mit dem Kunden fließen. Auch der Datenschutz wird einiges an Investitionen verschlingen – dieser spielt insbesondere in Deutschland eine große Rolle. Die Institute beschäftigt vor allem die Frage, wo die Daten gespeichert werden beziehungsweise ob sie möglicherweise außer Landes gespeichert werden. Sobald diese Fragen endgültig geklärt sind, dürfte die Cloud, die gerade für das Handling großer Datenvolumina und komplexer Berechnungsmethoden wesentliche Vorteile – insbesondere im Hinblick auf Geschwindigkeit – einbringen kann, auch bei Deutschlands Versicherern weiter an Bedeutung gewinnen. Des Weiteren sind Compliance und Risikomanagement laut der Studie von entscheidender Bedeutung für das Wachstum. Erneut ­spielen dabei Digitalisierung und Opti­mierungen im operationellen Bereich eine ­wesentliche Rolle – nur wer hier richtig aufgestellt ist, kann trotz zunehmender Marktanforderungen nachhaltig Wachstum erzielen. Hinzu gesellen sich neue ­regulatorische Vorgaben wie ­Solvency II und IFRS 17, zu deren Erfüllung eine stärkere Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen notwendig ist. Die Versicherer stehen hier vor der Aufgabe, das Zusammenspiel zwischen internen Unternehmensbereichen zu fördern, insbesondere zwischen Risikomanagement und Rechnungswesen. Auch die Zusammen­arbeit mit anderen Abteilungen ist derzeit noch ausbaufähig – zum Beispiel zwischen IT und Fachabteilungen. Durch die bisweilen unzureichende Verzahnung der Unternehmensbereiche verschenken viele Versicherungen aktuell noch Potenziale in punkto Innovation und machen sich die Möglichkeiten von Big Data und Datenanalysen nur bedingt zu Nutze.  

 

Die Studie bestätigt, dass Compliance-Themen sowie die Zusammenarbeit und Konnektivität zwischen den Abteilungen der Schlüssel zu mehr Innovation in der Versicherungsbranche sein können. Ins­besondere für eine nachhaltig erfolgreiche Nutzung und Analyse von Daten ist die stärkere Verzahnung der Unternehmensbereiche relevant – so können neue Ansätze gefunden, Produkte und Lösungen genauer an die Bedürfnisse der Kunden angepasst werden. Entscheidende Schritte auf dem Weg zur Erreichung der in der Studie ermittelten wichtigsten Wachstumsziele der Branche: Die Gewinnung von Neukunden (50 Prozent), Steigerung der Umsatzren­dite (50 Prozent) und die Optimierung der Kundenbindung (46 Prozent).

 

Autoren: 

  • Stephan Vogt, Vice President FIS Insurance Germany
  • Volker Kuth, Principal FIS ­Insurance ­Germany