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28.07.2017 von hs

Brexit – Sechs Standpunkte der deutschen Versicherer

Die Scheidungsverhandlungen zwischen Großbritannien und der EU laufen, viele Fragen sind allerdings offen. Die ökonomischen Folgen des Brexit für deutsche Versicherer dürften zwar überschaubar ausfallen – eine Hängepartie kann sich die Branche trotzdem nicht leisten. Fakt ist: Am 29. März 2019 verlässt Großbritannien die Europäische Union. Die sechs wichtigsten Forderungen der deutschen Assekuranz.


I. Tragfähige Regelung der langfristigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien ist zentral

Ziel muss es sein, die zu erwartenden ökonomischen Kosten und Friktionen des Brexit durch den Abschluss eines umfassenden wirtschaftlichen Abkommens möglichst niedrig zu halten. Dabei kommt einer transparenten und geordneten Verhandlungsführung eine zentrale Rolle zu, um Unsicherheiten und Risiken zu reduzieren.

II. Implementierungsphase und Übergangsregeln verankern

Angesichts der hohen Komplexität und des Zeitdrucks der Verhandlungen ist für die notwendigen Anpassungen des Geschäftsbetriebs eine Implementierungsphase für die neue Rechtslage erforderlich. Zudem sind Übergangsregeln erforderlich, die eine geordnete Abwicklung bestehender Verträge (insbesondere langlaufender Lebensversicherungen) nach bisherigem Recht ermöglichen („Grandfathering“).

III. Erhalt gegenseitiger Marktzugänge, aber unter der Voraussetzung gleicher Wettbewerbsbedingungen („Level Playing Field“)

Grundsätzlich sollte eine enge zukünftige Zusammenarbeit mit Großbritannien und ein möglichst weitgehender Erhalt der gegenseitigen Marktzugänge angestrebt werden. Voraussetzung dafür ist die Sicherstellung eines Level Playing Fields. Regulatorische Vorteile für das Vereinigte Königreich sind ebenso zu vermeiden wie „Briefkastenfirmen“, die keine ausreichende Substanz aufweisen. Auch beim Datenschutz sind einheitliche Standards zwingend.

IV. Kein Twin-Peak-Modell für die Versicherungsaufsicht

Die Versicherungswirtschaft unterstützt die derzeitige Überprüfung der europäischen Aufsichtsbehörden. Wegen der unterschiedlichen Geschäftsmodelle in den verschiedenen Sektoren der Finanzdienstleistungsbranche muss allerdings die Eigenständigkeit der Versicherungsexpertise bewahrt werden. Ein Twin-Peak-Ansatz, bei dem die Aufsicht über die Unternehmen und die Aufsicht über das Marktverhalten sowie den Verbraucherschutz getrennt würde, wird von Versicherern abgelehnt.

V. Arbeitsmärkte für qualifiziertes Personal offen halten

Unternehmen in Großbritannien und der EU-27 müssen auch nach dem Brexit ohne bürokratische Hürden wechselseitig Zugang zu qualifizierten Fachkräften behalten. Vor allem sollten unternehmensinterne Personalentsendungen weiterhin flexibel möglich sein.

VI. Zugang zu hochwertigen Finanzinstrumenten sicherstellen und die europäischen Kapitalmärkte stärken

Es muss gewährleistet sein, dass institutionelle Investoren aus Kontinentaleuropa Zugriff auf hochwertige Finanzdienstleistungen aus dem Vereinigten Königreich (UK) behalten. Auf mittlere Sicht muss der Finanzsektor auf dem Kontinent gestärkt werden. In diesem Zusammenhang ist die Vollendung der Kapitalmarktunion von hoher Bedeutung.