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15.01.2018 von hs

Serienmigration auf gutem Kurs

Im Februar 2017 startete planmäßig die Migration von rund 360 ehemaligen GAD-Banken auf das bundesweit einheitliche Bankverfahren agree21. Bis Ende 2019 soll die Umstellung abgeschlossen sein. Ein Drittel der Wegstrecke ist bis dato geschafft. Zeit für eine Zwischenbilanz – die Redaktion fragte nach bei Jörg Dreinhöfer, Vorstandsmitglied der Fiducia & GAD IT AG, und Andreas Kinser, ­Vorstand der Grafschafter Volksbank eG.

Andreas Kinser, Vorstand der Grafschafter Volksbank eG und Jörg Dreinhöfer, Vorstandsmitglied der Fiducia & GAD IT AG berichten über die Erfahrungen bei der Migration.

Mit der flächendeckenden IT-Konsolidierung setzt die Fiducia & GAD IT AG eines der zentralen Fusionsvorhaben um. Denn die Vereinheitlichung verspricht nicht nur Synergieeffekte in dreistelliger Millionenhöhe, sondern stärkt vor allem auch die ­Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit der genossenschaftlichen FinanzGruppe. 

 

Herr Dreinhöfer, die Migration von bank21 auf agree21 ist sicherlich das größte und herausforderndste Projekt für die Fiducia & GAD IT AG und die Banken in der Genossenschaftsgeschichte. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Dreinhöfer: Wir liegen exakt im Plan, und dies ist keineswegs so selbstverständlich, wie es im ersten Moment vielleicht klingt. Denn die Dimensionen dieses Projekts sind, wie Sie sagen, riesig – nicht nur in der Geschichte der Genossenschaftsbanken, sondern in der deutschen Kreditwirtschaft überhaupt. Dass inzwischen bereits 116 frühere bank21-Institute mit dem Zukunftsverfahren ­agree21 arbeiten, verdanken wir dem ­organisatorisch wie fachlich-methodisch detailliert durchgeplanten Migrationsverfahren und unseren motivierten Mitarbeitern. Auf der anderen Seite wären wir heute aber nicht da, wo wir sind ohne das beeindruckende Engagement der vielen Bankmitarbeiter vor Ort. Und auch nicht ohne die Solidarität vieler Süd­banken, die ihre Schwesterinstitute im ehemaligen GAD-Einzugsgebiet vor und nach der Serienmigration als „Paten­banken“ aktiv unterstützen.

 

Wie läuft eine solche Serienmigration für eine Bank nun genau ab? Was sind die wichtigsten Meilensteine?

Dreinhöfer: Serienmigration bedeutet zunächst einmal, dass wir bis zu sieben regional benachbarte Banken zu einer Migrationsserie zusammenfassen, um sie zeitgleich vorzubereiten und am selben Wochenende umzustellen. Im Zuge von 63 Serienmigrationen werden wir insgesamt 60.000 Bankarbeitsplätze und etwa 15.000 Selbstbedienungsautomaten migrieren. Der Ablauf der Migrationswochen­enden ist bis auf die Minute genau getaktet und sieht zum Beispiel folgendermaßen aus: Freitag nach Schalterschluss verabschiedet sich die Bank von bank21, indem die alten bank21-Anwendungen abgeschaltet werden. In der Nacht darauf folgt die Bestandsübernahme in agree21, was bis Samstagmittag 12 Uhr beendet ist. Bis Samstag 17 Uhr 30 werden nun vorgefertigte Checklisten abgearbeitet und Testläufe durchgeführt, um am Montagmorgen einen reibungslosen Start in den Bankalltag auf dem neuen IT-Fun­dament sicherzustellen. Der Sonntag dient in der Regel als Backup und wird nur im Ausnahmefall genutzt.  Mit dieser kurzen Skizze will ich aber keinesfalls den Eindruck erwecken, die Migration beschränke sich im Wesentlichen auf das Cut-Over-Wochenende. Im Gegenteil: Der Migrationserfolg einer Bank steht und fällt mit der Projektarbeit in den Monaten davor. Je intensiver sich eine Bank vorbereitet und mit dem neuen Verfahren beschäftigt, desto weniger Stolpersteine und Fallstricke halten den Einstieg in ­agree21 auf. Wichtig ist zudem die Nachbetreuung, vor allem in der ersten Woche nach dem Cut-Over. Deshalb stehen in diesen Tagen erfahrene Mitarbeiter aus unserem Migrationsteam den Banken vor Ort zur Seite. In ihrem bisherigen Feedback bescheinigen uns die Banken eine sehr gute Unterstützung. Aber wir wissen auch, wo wir noch besser werden müssen – zum Beispiel in der Ticketbearbeitung.

 

Herr Kinser, Sie haben die Migration nun schon hinter sich gebracht – hoffentlich erfolgreich? Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrer Bank im Rahmen der Serienmigration gemacht?

Kinser: Bei uns hat dank guter Vorbereitung und Unterstützung alles sehr gut funktioniert – wobei ich nur unterstreichen kann, was Herr Dreinhöfer eben in Bezug auf die Migrationsvorbereitung sagte. Während der Umstellung selbst greift dann wirklich sehr präzise eins ins andere. Man merkt ganz deutlich, dass vorab jedes Detail hochprofessionell durchgeplant wurde. Die strikte Einhaltung des Zeitplans und der vorgegebenen Reihenfolge aller Migrationsschritte ist zweifellos ein absolut erfolgskritischer Faktor. Gleichzeitig ist das Ablaufgerüst aber auch so flexibel, dass selbst bei ungeplanten Ereignissen die Migration nicht aus dem Takt gerät. Überdies verfügen die Projektbetreuer der Fiducia & GAD inzwischen über einen profunden Erfahrungsschatz aus den Serien­migrationen in anderen Banken. Sie wissen daher, was in solchen Situationen zu tun ist.

 

Worauf kommt es aus Ihrer Sicht vor allem an, damit die Banken ein solches Projekt erfolgreich stemmen können? Wo sehen Sie noch Verbesserungs­potenzial in der Umsetzung (Lessons Learned)?

Kinser: Vor allem muss man sich klarmachen, dass die Migration auf ein neues Bankverfahren keine rein technische Angelegenheit ist. Schließlich ändert sich nicht nur die Oberfläche der Software, sondern an manchen Stellen auch deren Logik. Für unsere Mitarbeiter bedeutet das stellenweise eine gravierende Umstellung ihrer bisherigen Arbeitsweise. Umso wichtiger erscheint es mir, alle betroffenen ­Mitarbeiter so früh wie möglich mit ins Boot zu holen. Das wäre die wichtigste Lektion, die ich anderen Banken, die noch vor ihrer Migration stehen, mit auf den Weg geben würde. Als echter Motivationsschub ­erwies sich übrigens ein Besuch von 20 Mitarbeitern bei unserer Patenbank, der Volksbank Göppingen eG. Dort konnten wir den Kollegen anderthalb Tage lang über die Schulter schauen – für uns der erste Kontakt mit agree21. Hilfreich war zudem, dass wir vorab auch unsere Servicemitarbeiter geschult haben, denn so konnten sie den Kunden gleich nach der Systemumstellung Rede und Antwort ­stehen. Tatsächlich kamen viele Kunden mit teilweise unerwarteten Fragen in die ­Filiale – zum Beispiel, warum plötzlich kein Übertrag mehr auf den Kontoaus­zügen vermerkt ist.

 

Was hat es mit den sogenannten ­„Patenschaften für Migrationsinsti­tute“ auf sich?

Dreinhöfer: Solche Patenschaften sind für mich ein lebendiger Ausdruck des genossenschaftlichen Solidaritätsprinzips. Mit ihrem erworbenen agree21-Know-how unterstützen Patenbanken die Migration in anderen Instituten und bringen dabei eine zusätzliche Perspektive ein – nämlich die Sichtweise der Praxis. Auch für uns als Dienstleister ist das ein wertvoller Input. Es kommt eben nicht von ungefähr, dass wir immer wieder betonen: Wir denken wie Banker. Ich möchte alle Banken, die ihre Migration bereits erfolgreich absolviert haben, dazu aufrufen, sich als Patenbank zur Verfügung zu stellen. Damit wir Ende 2019 sagen können: Gemeinsam haben wir die Migra­tion aller 360 Institute geschafft.

 

Das alles klingt nun wirklich nach einem Mammutprojekt, und die Fiducia & GAD scheint bis Ende 2019 damit vollkommen ausgelastet zu sein. Wie wollen Sie da noch den aktuellen Herausforderungen wie FinTech-Wett­bewerb, Niedrigzinsphase, Regulierung etc. begegnen?

Dreinhöfer: Richtig ist, dass die Serienmigrationen bei uns erhebliche Ressourcen binden. Andererseits haben wir uns aber auch genügend Spielraum offengehalten, um wichtige Zukunftsthemen mit hohem Tempo weiter voranzutreiben. Ich erinnere hier nur an unsere jüngsten ­Innovationen zum Beispiel für die VR-BankingApp. Vergessen Sie auch nicht, dass wir künftig nicht mehr zwei, sondern nur noch ein Bankverfahren für die digitale Zukunft weiterentwickeln müssen – etwa wenn es um Touch-Point-Analysen im Big-Data-Umfeld oder um die Modernisierung der Kundenkommunikation geht.