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10.04.2017 von Timur Peters, Gründer und Geschäftsführer der Debitos GmbH

Offene Forderungen: Wie Banken ihre Bilanzen bereinigen

Noch immer führen viele europäischen Kreditinstitute offene Forderungen aus Firmeninsolvenzen in ihren Bilanzen. Doch bisher existieren keine effizienten standardisierten Prozesse zur Verwertung der Non-Performing Loans (NPLs). Was in der Vergangenheit mühsam bilateral oder in manuellen Ausschreibungsverfahren veräußert wurde, kann heutzutage über organisierte Märkte platziert werden.

Timur Peters, Gründer und Geschäftsführer der Debitos GmbH

Die große Menge an offenen Forderungen in den Bilanzen der europäischen Banken ist ein direktes Ergebnis der Eurokrise: Das nachlassende Wachstum durch die weltweite Finanzkrise führte bei Privat- und Geschäftskunden reihenweise zu Zahlungsausfällen. Die Folge waren im Jahr 2009 mehr als 33.000 Unternehmensinsolvenzen allein in Deutschland.

In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der deutschen Firmenpleiten unter 25.000 eingependelt – wohlgemerkt pro Jahr. In den 15 EU-Ländern haben laut dem Verband der Vereine Creditreform 2015 knapp 175.000 Firmen Konkurs angemeldet. Stark betroffen sind nach wie vor die Länder, die besonders unter der Finanzkrise gelitten haben.

 

Beispiel Italien: Dort hat sich die Wirtschaft zwar mittlerweile etwas erholt; doch noch immer stellen die finanziellen Schwierigkeiten ein großes Problem für italienische Bankhäuser sowie für viele europäische Kreditinstitute dar. Die weiterhin unzureichende Entwicklung der Wirtschaft führt dazu, dass viele Unternehmen oder Privatpersonen in Italien ihre Schulden bei der Bank nicht bezahlen können. Daraus resultieren offene Forderungen oder sogenannte Non-Performing-Loans, die über viele Jahre in den Bilanzen der Finanzhäuser schlummern können. Denn die Abwicklung der Insolvenzen zieht sich unter Umständen über Jahre hin. Und was am Ende für den jeweiligen Gläubiger tatsächlich übrigbleibt, steht oft in den Sternen.

 

Viele Geldinstitute betrauen interne Workout-Abteilungen oder externe Dienstleister mit der Verwertung der NPLs oder sie lassen sich von großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften bei einem Verkauf der offenen Forderungen beraten. Das führt allerdings nur selten zu einer wirklichen Entlastung der Bilanzen und ist zu allem Überfluss noch teuer und zeitintensiv. Doch welche Möglichkeit haben Kreditinstitute, um zumindest einen Teil der NPLs wieder zu Geld zu machen?

 

Offene Forderungen haben sich in den vergangenen Jahren zu einer marktgängigen Assetklasse für Investoren entwickelt. Der sogenannte Distressed Investments-Markt hat sich in Europa als alternative Anlageform fest etabliert. Wurde der Handel mit offenen Forderungen vor nicht allzu langer Zeit noch ausschließlich von institutionellen Investoren wie Investmentbanken oder großen Equity-Fonds bestimmt, sind mittlerweile auch kleinere Private Equity-Gesellschaften und Family Offices in den Markt eingestiegen. Die Forderungsbörse Debitos ermöglicht Gläubigern und Investoren beispielsweise den Handel mit NPLs aus dem gesamten europäischen Raum per Online-Börse. Wir sind dabei auf den Verkauf von überfälligen Forderungen und Krediten spezialisiert und bieten auch kleineren Investoren die Möglichkeit, entsprechende Portfolios zu erstehen.

 

Bisher wurden über die Forderungsbörse seit dem Launch der Webseite Ende 2012 Kredite im Wert von mehr als 1,7 Milliarden Euro verkauft – Tendenz steigend. Die etwa 450 registrierten Käufer der offenen Forderungen sind Inkassounternehmen, Investmentbanken, Hedge- und Special-Situationfonds sowie Rechtsanwälte, die oft für Family Offices aktiv sind. Neben immobilienbesicherten und kaufmännisch ausgemahnten Forderungen werden über Debitos unter anderem auch titulierte Forderungen und Insolvenzquoten angeboten. Bisher haben knapp 20 Banken ihre NPLs über die Forderungsbörse verkauft. Für die Geldhäuser hat der Verkauf über Debitos neben der schnellen Abwicklung noch weitere Vorteile: Sie können, wie bisher aus dem „Offline-Prozess“ gewohnt, geschlossene Bieterkreise mit hohen Anforderungen an die Investoren festlegen. Die Vielzahl spezialisierter Käufer auf der Plattform ist gerade für Banken ein Anreiz, ihre Engagements aus verschiedenen Insolvenzverfahren über die Onlinebörse anzubieten. Und wenn sich mehrere Investoren für eine bestimmte Forderung interessieren, sind sehr gute Marktpreise möglich.