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FinTech-Revolution zwischen Hoffen und Bangen

Noch hat der digitale Wandel die Bankenbranche nicht verschlungen. Denn gerade beim Thema Geld sind – trotz Hype um die Digitalwährung Bitcoin – verlässliche Werte und Geschäftsstrategien gefragt.

So haben sich die unzähligen aufstrebenden FinTechs die Zukunft der Bankenlandschaft vorgestellt: Während die Älteren immer noch frustriert loyal an ihrer Hausbank festhalten, begeben sich jüngere Bankkunden auf die Suche nach Alternativen. Mit anderen Worten: Die Götterdämmerung in der Finanzindustrie sei eingeläutet. 

Klar ist, das Internet ist keine vorüber­gehende Randerscheinung. Und der Bankberater hat nicht immer recht. Nichts bleibt mehr konservativ, außer es kann sich unter veränderten Rahmenbedingungen bewähren. Ein beredtes Zeugnis dafür lieferte ein Statement aus der Führungsriege der ­Deutschen Bank im vergangenen Herbst. 

 

Mechanische Herangehensweise

„In unseren Banken arbeiten heutzutage Menschen, die sich – was ihre mechanische Arbeitsweise angeht – wie Roboter verhalten. In Zukunft wird es hingegen so sein, dass in den Banken Roboter arbeiten, die sich wie Menschen verhalten“, sagte John Cryan auf der Handelsblatt-Tagung „Banken im Umbruch“ im September.

Allerdings ist diese Vision bislang noch nicht ganz Wirklichkeit geworden. Denn weder sind konventionelle Banken ganz von der Bildfläche verschwunden (es gibt nur deutlich weniger Bankfilialen), noch gelang es einem der neuen Protagonisten, einen wirklichen Kundenansturm auszulösen, so wie es die digitale Revolution bereits in einigen anderen Branchen eingelöst hat. Woran hakt es bei der „FinTech-Revolution“? Man muss schon hinter die Kulisse blicken, um die Prinzipien des Geldmanagements zu verstehen, das sich von Konsumprodukten deutlich abhebt. Die neue Gründergeneration geht zwar davon aus, dass Digital Natives heute kaum mehr dazu bereit sind, das Finanzmanagement den Banken allein zu überlassen. Aber dies bedeutet nicht automatisch, dass alternative Ansätze von ­Erfolg gekrönt sind. 

 

"Demokratisierte Investmentkultur"

 

Welche Rolle spielt nun eine „demokratisierte Investmentkultur“, in der Insiderwissen für größere Kreise transparent wird? Das Stichwort vom „nachhaltigen Shareholder Value“ macht die Runde. Ein aktuelles Beispiel ist der Online-Vermögensverwalter Scalable Capital, ein „Robo Advisor“, der durch die Kooperation mit der ING-DiBa einen deutlichen Kundenzuwachs erhalten hat. Ist das der erste Schritt zum großen Durchbruch? Die spannende Frage liegt darin, ob es den neuen Vermögensbildungs- und Kredit­modellen übers Internet gelingt, die hohen Ansprüche der Kunden nach einer seriösen Alternative zum herkömmlichen Bank­wesen einzulösen. Dies scheint derzeit noch nicht der Fall zu sein. Immer wieder kämpfen neue Anbieter mit der Nähe zum „grauen“, statt zum „grünen“ Kapitalmarkt.

Die Bankfiliale wird so nicht komplett verschwinden. Jenseits der Transaktion dreht sich alles um die alte Währungseinheit Vertrauen, unabhängig vom globalen Standort. Die schlechte Nachricht: Bleibt mehr demokratische Mitbestimmung über die hierarchisch strukturierte Welt der Finanzprodukte und Wertschöpfungsmechanismen an Kapital- und Kreditmärkten nur ein bloßes Lippenbekenntnis, dann verkehrt sich die gute Absicht, das Internet als Instrument zur Demokratisierung von Geldströmen einzusetzen, in ihr Gegenteil. 

Die große Ernüchterung der FinTechs wäre dann die Folge. Die gute Nachricht lautet: Spätestens seit „Panama“ und ­„Paradise“ Leaks, also seit der Enttarnung von zahlreichen Steueroasen und Schattenbanken, scheint auch die adaptive Strategie in Frage gestellt. Zwar werden missbräuchliche Entwicklungen nicht verschwinden, aber deren Aktionsradius ­dürfte hier und da eingedämmt sein. Begünstigt wird der Trend in Richtung selbst ­bestimmte Anlegernetzwerke zweifellos durch die weiterhin zahlreich vorhandenen Anlageprodukte mit undurchschaubaren und versteckten Bankgebühren. Die gut ausgebildeten Menschen können und wollen sich den Luxus nicht mehr leisten, ihr erarbeitetes Vermögen in riskanten und undurchsichtigen Produkten zu verbrennen.

Da im klassischen Wertesystem von Banken kaum Spielraum für Innovationen verbleibt, können Neugründungen sich auch weiterhin in der Nische entfalten, ähnlich wie sich die ersten Direktbanken in den Neunzigerjahren erfolgreich etabliert haben. Jedoch sind die meisten FinTechs gezwungen, schon frühzeitig in ihrer Etablierungsphase auf einen Kooperationskurs mit einem Bankinstitut einzuschwenken.Mit Blick auf das laufende Jahr 2018 stellen sich somit folgende Schlaglichter zur heterogenen Entwicklung der Bankenlandschaft:

 

Lokal versus Global:

Entweder die Bank beherrscht das Prinzip der Lokalisierung perfekt, um am Markt mit einem regional verankerten Filialprinzip zu überleben, sich aber parallel dazu weiter zu redifferenzieren. Oder aber das Finanzinstitut hält sich an den profitablen Schauplätzen der wirtschaftlichen Globalisierung auf, um dort erfolgreich zu sein. Eine entsprechende Größe, sprich Skalierbarkeit ist dann ein Muss.

 

Open Innovation:

Die bis dato gesetzten Marktreviere reichen – verstärkt durch die weiter anhaltende Niedrigzinspolitik – als margenträchtige Renditebringer nicht mehr aus. Neue Kooperationen und flexible Netzwerke sind deshalb gefragt. Die Bank muss sich nach außen wie nach ­innen für den Dialog und Partnerschaften öffnen, um wandlungsfähig zu sein. ­Gleiches gilt für die FinTechs.

 

Technik versus Mensch:

In neuen Technologien liegt nicht per se das Heil für die Zukunft der Banken. Mobile und Online-Banking sind (bereits fast) so selbstverständlich wie der Strom aus der Steck­dose. Auch eine App ersetzt kein sinnvolles ­Geschäftsmodell oder Nutzerkonzept. Der Wettbewerb entscheidet sich am mensch­lichen Faktor, an der verlässlichen ­Kundenorientierung. Ohne dabei neue Potemkin’sche Dörfer und Trojanische Pferde zu etablieren. Große Vision versus solides IT-Handwerk: Die Bankenbranche sollte sich an den wirtschaftlichen Grundfunktionen als Dienstleister der Gesellschaft orientieren. Die zeitgemäße „Bank 2.0“ mit einer leistungsfähigen Informationstechnologie der nächsten Generation kann nicht mehr leisten als ein effizienter Serviceoperator für die Realwirtschaft.

 

Ausblick

Während manche Protagonisten aus der FinTech-Szene sich selbst und den boomenden Jobmarkt um die Startups feiern, malen Auguren das große FinTech-Sterben an die Wand. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte, am Anstoßkreis. Denn weder ist es ungewöhnlich, dass die meisten Junggründer und deren Unternehmen wieder von der Bildfläche verschwinden. Noch verwundert es, dass weiteres Geld in innovative Dienstleistungen beim Banking der nächsten Generation fließt. Am digitalen Wandel kommt eben keiner vorbei.

Bleibt am Ende die spannende Frage, welche Rolle Deutschland im globalen Vergleichsmaßstab hier als Innovations­treiber spielen kann: Laut Angaben der Unternehmensberatung KPMG aus der FinTech-100-Studie gehören mit Kreditech, Solaris Bank und Spotcap aktuell drei deutsche Unternehmen zu den weltweiten Top 50 in der Finanzwirtschaft. Zu den aufstrebenden deutschen Unter­nehmen zählen laut KPMG außerdem Spotcap, Clark und Raisin. 

Ganz vorne in der FinTech-Revolution liegt demnach aber China, wo sich offenbar besonders zahlreiche aussichtsreiche Startups in der Finanzwirtschaft tummeln. Kein Wunder, hat sich das Reich der Mitte längst in die erste Reihe der ökonomischen Großmächte vorgearbeitet. Und mit dem chinesischen Internetkonzern Alibaba gibt es auch bereits einen Vorreiter in der digitalen FinTech, der sowohl lokal als auch global ganz vorne mitspielt.

Dennoch bleibt die Zukunft für alle Beteiligten ein Blick in die Kristallkugel. Die Marktanteile sind noch nicht vergeben. Erst nach der Euphorie kommt es zu realen Gewinnen. „The winner takes it all“, lautet dann möglicherweise die Devise. Die Gewinner könnten am Ende sogar bekannte IT-Konzerne oder Großbanken sein, deren Namen in Branchenkreisen längst die Runde machen.