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05.02.2018 von hs

Digitalisierung vor neuen Herausforderungen

Laut einer aktuellen Studie des IT-Dienstleisters Avanade stehen Banken und Sparkassen vor einem Innovationssprung. Die Entscheider wissen das, doch noch zögern sie, weil oftmals Altsysteme ihnen den Weg in die Zukunft versperren. Vermeintlich. Denn es gibt Lösungen. Darüber sprach die Redaktion mit Dr. Robert Laube, Chief Technology & Innovation Officer (CTIO) Avanade Deutschland. 

„Sicherlich müssen sich die Flächen­institute hinterfragen, wie sie in zehn ­Jahren ihre derzeitige Bedeutung ­aufrechterhalten wollen. Wir kennen alle die derzeitigen Rahmenbedingungen. Doch ich sehe für sie gute Chancen, auch weil die dahinter stehenden IT-Dienstleister die Innovations­bemühungen unterstützen“,

Der Begriff Digitalisierung steht mittlerweile für beinahe allzu vieles. Wie definieren Sie ihn?

 

Laube: Ich beschränke mich auf einen Aspekt, aus dem sich vier Folgerungen erschließen. Wie lässt sich Informationstechnologie gewinnbringend einsetzen? Und zwar für folgende Kategorien: Ertragsoptimierung, Aktivierung der Mitarbeiter, Kundenerfahrung und -bindung.

Damit decken Sie beinahe ein breites Spektrum ab. Wie gehen Sie konkret vor, wenn Sie in ein Digitalisierungsprojekt einsteigen?

Prototypisch gesprochen, versuchen wir bei großen Projekten neue Gedanken­welten zu inszenieren. Wir stellen einfache Fragen wie: ‚Wo wollen Sie in fünf Jahren mit Ihrer Bank stehen?‘ Der Status quo, aktuelle Hemmnisse bleiben ­dabei außen vor. In dieser ersten Phase zeigt sich immer wieder welch erstaunliche Kreativität und Innovationskraft in Banken vorhanden sind. Themenfelder wie Customer Experience, nahtlose Kommunikation gehören dabei zu den wiederkehrenden Themen.

Wenn Sie die deutsche Bankenlandschaft analysieren, gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Silos?

Sicherlich müssen sich die Flächeninstitute hinterfragen, wie sie in zehn Jahren ihre derzeitige Bedeutung aufrechterhalten wollen. Wir kennen alle die derzei­tigen Rahmenbedingungen. Doch ich sehe für sie gute Chancen, auch weil die ­dahinter stehenden IT Dienstleister die Innovationsbemühungen unterstützen.

Glauben sie an ein Ende der Filiale, die Direktbanken apostrophieren das ja?

Die Filiale wird Bestand haben, doch die Anzahl der Geschäftsstellen wird in einem erheblichen Maße abnehmen. Unsere Umfrage zeigt, zum Beispiel dass jede dritte Bank in Deutschland und mehr als jede zweite Bank in Europa die heute ­bestehenden Filialen gefährdet sieht.

Deutschland ein Land der Direkt­banken?

Nein, soweit möchte ich bei weiten nicht gehen. Zumal die Direktbanken sich ja intensivster Konkurrenz ausgesetzt sehen. Der nächste Wettbewerber ist nur ein Klick entfernt. Das schafft andere Herausforderungen als sie die Filialbanken haben, doch auch die sind sehr real und ernst zu nehmen. Noch mehr als die Flächeninstitute müssen die Direktbanken Augenmerk auf ihre Kundenbindung ­legen. Lassen Sie es mich am Beispiel der Baufinanzierung erläutern. Die Erstinformation findet am Desktop statt, die dort gesammelten Informationen werden vielleicht am Abend im Kreis der Familie am Tablet diskutiert, am folgenden Tag sehen sich die Kunden dieses Ergebnisse am Smartphone an. Unsere Umfrage zeigt: Nur derjenige Anbieter, der eine nahtlose Integration und eine Omni­präsenz der Inhalte sicherstellt, wird den Abschluss generieren. 

Wäre es da nicht sinnvoll für Direktbanken sich gezielt in der Fläche zu ­zeigen nach Art eines Flagshipstore-Konzeptes?

Mir sind diesbezüglich keine Pläne ­bekannt, sie würden ja auch das originäre Geschäftsmodell der Direktbanken ­unterminieren.

 

Bleiben wir beim Thema Geschäfts­modelle. Wohin wird sich der deutsche Bankenmarkt bewegen?

Die Spezialisierung der Anbieter wird in einem erheblichen Ausmaß zunehmen. Erste Schritte sind jetzt schon zu erkennen. Sehen Sie sich nur die derzeitige Kampagne der Commerzbank an. Das ist erst der Anfang. Die Fokussierung auf bestimmte Zielgruppensegmente wird voranschreiten. Ohne eine klare Positionierung im Markt wird künftig keine Bank überlebensfähig sein. Dabei sind unterschiedliche Angebotsformen denkbar: eine Bank, die ihr Augenmerk auf Versicherungsleistung lenkt oder ein ­Online-Kreditanbieter. Diese Spezial­anbieter müssen dann allerdings multibankfähig sein, ansonsten wird der Kunde nicht mitspielen. Die Segmentierung hat zudem den Vorteil, dass Kunden ­gezielt über Marketingaktionen angesprochen werden können.

 
Vor allem die großen Vier des Internet­zeitalters wissen viel über ihre Kunden, droht da nicht ein neuer Wettbewerb mit den finanzkräftigsten Playern? 

Von den bedeutenden Playern hat sich bisher nur einer auf dieses Parkett gewagt. Und zwar Ebay mit dem jetzt selbst­ständigen PayPal als einen reinen Bezahldienstleister. Ich sehe derzeit ­keine Bedrohung durch die Googles, Amazons, Facebooks und Apples, zum einen weil ihnen schlicht die Bank­expertise fehlt und – ein sehr wichtiger ­Aspekt in Deutschland – das Vertrauen der Kunden. Das baut sich erst über eine lange Zeit auf.

 

Wenn nicht die GAFAs, sind nicht die FinTechs die neuen Herausforderer? 

Banken und Sparkassen müssen sicherlich die durchaus vorhandene disruptive Bedrohung der FinTechs mit ihrer eigenen Innovationskraft beantworten. Dafür benötigen sie die Hilfe von Dienstleistern. Auch hier sehe ich einige Bewegungen im Markt, die dringend erforderlich sind. Denn noch sind die Innovations­zyklen viel zu langsam. Wenn sie agil neue Produkte auf den Markt bringen möchten, sind Releasezyklen von einem halben Jahr und mehr nicht mehr zeitgemäß.

 
Über eine gewisse Zähheit in Bezug auf neue Produkte wird seit Jahren geklagt und dann immer wieder auf Vorbilder in den Vereinigten Staaten hingewiesen.

Die Regulierungsdichte in Europa sucht sicherlich ihresgleichen, doch das Problem ist erkannt, Regulierungsinstitutionen wie eine BaFin oder ein EBA versuchen sich zu beschränken. Doch da sind noch viele Zöpfe zu schneiden, trotzdem zeigt sich erster Fortschritt. Beispiel Cloud: Mittlerweile ist es nicht mehr ­undenkbar, Kundendaten in einer Cloud abzulegen. Hier ist Bewegung am Markt. Unbestritten, amerikanische Wettbewerber sind zugegebener Maßen im Vorteil. Doch lassen Sie mich einen weiteren ­Gesichtspunkt zur Sprache bringen. Der DevOp-Gedanke ist in deutschen Bankvorständen noch nicht gänzlich angenommen. Aber nur wenn von „Ganz oben“ die volle Unterstützung vorhanden ist, lassen sich solchen Veränderungen durch die gesamte Organisation tragen. 

Stichwort Cloud – was bringt es einer Bank sich ihrer zu bedienen? Sind es die Kostenfaktoren?

Kosten sind für jeden Entscheider immer ein Thema und das ist richtig so. Noch wichtiger beim Thema Cloud ist bei ­weitem die erhöhte Flexibilisierung. ­Organisationen zahlen nach ihrem Bedarf, das schafft unternehmerische Freiheit. Zudem, und das ist für mich der wichtigste Punkt, schafft die Cloud Teilhabe am Innovationsfortschritt. Künstliche Intelligenz wird zu einem treibenden Faktor der Innovation werden, einzelne Teilnehmer sind und werden verstärkt nicht mehr in der Lage sein die Vorzüge selbstlernender Systeme eigenständig auf den Boden zu bekommen.