Geldinstitute > Strategie

04.07.2018 von Klaus J. Friese, Geschäftsführer und Inhaber von DIE SOFTWARE

Bei der Digitalisierung ist noch Luft nach oben

Die Digitalisierung der Bankenwelt ist in aller Munde, auch wenn Vorstellungen, was darunter zu verstehen ist, weit auseinander gehen. ­Einigkeit besteht im Allgemeinen nur darüber, dass der Prozess in der Bankenwelt nicht weit genug fortgeschritten ist. Woran liegt das?

"Digitalisierung bedeutet Prozessengineering", Klaus J. Friese, Geschäftsführer und Inhaber von DIE SOFTWARE

Zunächst ist wichtig, dass unter Digitalisierung nicht nur die erlebte „Erfahrung“ eines Webauftritts oder einer App durch den Kunden zu verstehen ist. Denn dies ist eigentlich nur der Startpunkt oder sogar nur „Mittel zum Zweck“. Tatsächlich geht es um das Erkennen, Definieren und konsequente Umsetzen von Prozessen in einem IT-Workflow ohne Methoden- bzw. Medienbrüche. Diese beginnen zwar beim Kunden, ziehen sich aber durch alle Systeme, bis sie beim Regulatory Reporting enden. Dazu ist IT nur Werkzeug – an erster Stelle muss die Analyse der Prozesse stehen.

Komplexität erkennen


Kundenbeziehungen können komplex sein. Am Beispiel des Kundeneröffnungsprozesses lässt sich dies veranschaulichen: Auch wenn häufig vom Kontoeröffnungsprozess die Rede ist, geht es in der Praxis um ein Bündel von Produkten, welches neben einem Konto auch ein Depot oder eine Vermögensverwaltung beinhaltet. Ebenso vielfältig sind die Kunden: Obwohl manche Banken sich hier einschränken und zum Beispiel nur Einzelkonten von Inländern ohne Besonderheiten, wie beispielsweise eine US-Staatsbürgerschaft, anbieten, betreuen andere Banken Kunden in deutlich vielfältigeren geschäftlichen und privaten Situationen. Das bedeutet, dass unter anderem Gemeinschaftskonten nicht nur von Ehepaaren, sondern auch von Dritten, Firmenkonten, Stiftungen oder Kunden mit unterschiedlichen Domizilen und Staatsbürgerschaften ermöglicht werden. Hier ist die vollständige Prozessdefinition wesentlich aufwändiger. Das ist nicht nur fachlich, sondern auch technisch komplex: Damit ein solcher Prozess nicht nur vom Frontend unterstützt wird, um dann in manueller Arbeit und Methodenbrüchen zu enden, ist die automatische Fortführung des Frontprozesses in die dahinterliegenden Backend-Systeme zu integrieren.

Erfolgsfaktoren in der Übersicht


Als langfristige Erfolgsfaktoren können die folgenden Punkte angesehen werden:

  1. Schaffung von Klarheit über prozessuale Ziele und die Herausforderungen, die in die Prozesse modelliert werden sollen.
  2. Je heterogener die Systemlandschaft ist, desto komplizierter (und in Teilen redundanter) werden solche Prozesse, wie zum Beispiel eine Kundeneröffnung. Aus diesem Grund ist es notwendig, für jeden Teilbereich – wie Kunden, Depot und Kontostammdaten – ein Mastersystem (im Idealfall jeweils „das eine“ Kernbankensystem) zu definieren. Dieses dient dann als „Single Source of Truth“ und letztendlich Verteilplattform aller in einem Prozess entstehenden und benötigten Daten zu den Subsystemen.
  3. Dieses Kernbankensystem muss prozessorientiert arbeiten. Eine Kunden­eröffnung muss daher als Prozess, der weiterzuführen und zu ergänzen ist, und nicht nur als Datenspeicherung verstanden werden. Nur wenn Eingriffs- und Ergänzungsmöglichkeiten für den Benutzer in allen Folgeschritten in den Prozess integriert sind, können auch die komplexen Sonderfälle abgebildet werden.


Als Beispiel dafür hat die Gesamtbankensoftware OBS (Online Banken System der DIE SOFTWARE Peter Fitzon GmbH) diesen Kundeneröffnungsprozess vollständig in eine von der Anwenderbank selbst auf ihre Bedürfnisse, Kundenprofile und Prozesse anpassbare Workflow-Engine ­integriert. Dieser Workflow kann über (Web-)Services Daten von unterschiedlichsten Frontapplikationen empfangen.

Doch auch wenn die Kundeneröffnung ein anschauliches und häufiges Beispiel für die Anwendung von Digitalisierung ist, ist damit bei weitem noch nicht alles ab­gedeckt – denn alle Prozesse, begonnen vom Reporting bis zur Kapitalmaßnahme ­(Corporate Action), müssen durchgängig automatisiert sein. Die Gesamtbankensoftware muss also als Kern jeder Digitalisierung begriffen werden, und die Flexibilität und Anpassbarkeit dieser Software ist, zusammen mit einer klaren Prozessanalyse, der Schlüssel dafür, dass Digitalisierung nicht nur eine bunte „Front“ bleibt.