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05.02.2018 von Ralf Hönicke, Managing Director, Diebold Nixdorf Banking Consulting GmbH

Digitale Vernetzung bringt Vorteile für Handel und Banking

Mobile Banking und Mobile Commerce – zwei Welten auf einer Plattform. Nichts hat die letzte Dekade so stark geprägt wie die Entwicklung des Smartphones von einem Nischenprodukt zu einem ständigen Alltagsbegleiter. Seit der Vorstellung des ersten iPhones am 9. Januar 2007 verbreitete sich das Smartphone mit rasender Geschwindigkeit und ist nun für Nutzer in jeder Altersgruppe nicht mehr wegzudenken. 

Autor: Ralf Hönicke, Managing Director, Diebold Nixdorf Banking Consulting GmbH

Heute besitzen mehr als acht von zehn Deutschen ab 14 Jahren ein Smartphone; sogar bei den über 65-Jährigen hat sich der Nutzeranteil im letzten Jahr auf über 40 Prozent verdoppelt. Bis 2022 werden weitere zehn Millionen Smartphone-Nutzer in Deutschland prognostiziert, sodass nahezu jeder in der Bevölkerung über ein solches Gerät verfügen wird. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Shopping-Umsatz über das Internet in Deutschland verfünffacht. Mehr als 70 Prozent der deutschen Smartphone-Besitzer nutzen ihr Mobilgerät zum Online-Einkauf.

2017 wurde bereits über ein Drittel des gesamten Online-Umsatzes auf mobilen Endgeräten gemacht – Tendenz steigend. Im Gegensatz zum Mobile Commerce schöpft das Mobile Banking sein Potential immer noch nicht aus. Während 70 Prozent der Deutschen mobil shoppen, nutzten 2016 laut ING International Survey Mobile Banking nur 47 Prozent der Smartphone-Nutzer Banking-Apps. Dies ist einerseits auf Sicherheitsbedenken der Verbraucher zurückzuführen, andererseits liegt es aber auch an den Apps an sich: Die meisten Banking-Apps orientieren sich nicht am Nutzer, sondern wurden nur dazu entwickelt, das vorhandene Internet-­Banking mobil zu machen. Geldinstitute wollten damit primär die funktionale Lücke zu den direkten Wettbewerbern schließen. So überrascht das Ergebnis der European ­Mobile Banking Benchmark 2017 von ­Forrester nicht, dass ein Großteil der Apps lediglich für die Anzeige von Kontostand und aktuellen Umsätzen genutzt wird.

Finanzinformationen beim Kaufvorgang nutzen

Beim Online-Kauf präferieren Kunden einen Anbieter, bei dem sie Bestellungen mit nur einem Klick auslösen können oder ­wenig Eingaben machen müssen. Zudem ist es für Kunden wichtig, ihren Einkauf noch beim Bestellen mit ihren Finanzen abgleichen zu können. Ein großer Mehrwert entsteht, wenn Produkt und Finanzierung aus einer Hand stammen. Die Onlinehändler haben dieses Bedürfnis erkannt und viele bieten die Finanzierung für ihre Produkte selbst an. Selbst bei größeren ­Investitionen muss der Kunde nicht mehr zu einer Bank gehen. Wenn Mobile Commerce mittlerweile mit Finanzdienstleistungen Mehrwert bietet, was wäre, wenn Finanzinstitute den umgekehrten Weg gehen und ihren Kunden Shopping anbieten? Können Banken über ihre App Erträge generieren? Und wenn ja, welche? Wenn sowieso vier von fünf Nutzern einer Mobile-Banking-App mobil einkaufen stellt sich die Frage, weshalb Shopping und Banking in separaten Apps stattfinden müssen.

Retail und Banking gehören zusammen in eine App

Wenn der Kunde sich Banking und Shopping in einer einzigen App wünscht, dann sollte der Markt folgen und eine solche ­anbieten. Genau diesen Weg hat Diebold Nixdorf gemeinsam mit seinen Partnern Kony und Rezolve beschritten. Im Ergebnis ist die Banking-App zu einer multifunktionalen Lifestyle-App geworden. Diese bietet zusätzlich zum herkömmlichen Banking weitere Anwendungsmöglichkeiten im Sinne von „Connected Commerce“. Das macht die App attraktiver für die Nutzer und für die Finanzinstitute lukrativer. Einkaufen und Bezahlen, alles nur in der einen Banking-App, ist dabei nur einer unter mehreren Mehrwerten. In die App können die Produkte lokaler und überregionaler Partnerunternehmen auf einem digitalen Marktplatz, Mall genannt, integriert werden. Die Bankkunden können in dieser Mall wie in einem Webshop einkaufen und ihre Bestellung abwickeln. Die Kostenstelle Banking-App wird zum Profit-Center. Bisher sind Banking-Apps für die meisten Finanzinstitute eher eine kostspielige Notwendigkeit. Durch die Umwandlung in eine Lifestyle-App ergeben sich allerdings ganz neue Geschäftsfelder. Eine neue Einnahmequelle ist beispielsweise die Beteiligung an den Erlösen der über den digitalen Marktplatz vertriebenen Produkte. Händler können zum Beispiel Rabattcoupons oder Sonderangebote in der App anzeigen lassen und das Finanzinstitut kann nicht nur die dazu passende Finanzierung vorschlagen, sondern – auf den Nutzer abgestimmt – eigene Finanzprodukte über diesen Marktplatz anbieten. Um dies erfolgreich zu erreichen, muss die neu gestaltete App aber nicht nur für Kunden und Banken interessant sein, sondern auch den Händlern Mehrwert bieten. Ein typischer Anwendungsfall mit Mehrwert für den stationären Einzelhandel ist die Möglichkeit, seine Produkte auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten zu verkaufen. Im Vorbeigehen fotografiert der Nutzer dazu das im Schaufenster ausgestellte Produkt per Handykamera ab, lässt es sich in der App anzeigen und kauft.

Derzeit erfüllen die allermeisten der Banking-Apps viele Kundenwünsche nicht. Die Lücken zwischen Nutzerwunsch und Banken-Angebot schließen FinTechs. Um nachhaltig Kunden für eine Banking-App zu begeistern und an sich zu binden, ­besteht Handlungsbedarf auf Seiten der ­Finanzinstitute. Banking-Apps werden durch Lifestyle-Funktionen attraktiver für alle Beteiligten. Ein ausgeklügeltes Per­sonal Finance Management (PFM) unterstützt dabei, Ausgaben besser zu planen und zu kontrollieren oder eine zentrale Verwaltung aller Geld- und Kreditkarten unabhängig vom ausgebenden Institut sind hier nur zwei Beispiele. Ab 2018 werden derartige Entwicklungen innerhalb der Banking-App-Welt zutage treten, denn dann tritt die EU-Zahlungsdienstleistungsrichtlinie PSD2 in Kraft. Ihre Regelungen forcieren zahlreiche weitere Anwendungsfälle, beispielsweise die Aggregation mehrerer Konten verschiedener Finanzinstitute. Doch egal wie die App im Detail aussehen wird – eines steht fest: Die Ära des Open Bankings wird in jedem Fall mobil sein.