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08.02.2019 von Jan Popović und Sebastian Sabeck, Cassini Consulting AG

Adaptive IT generiert Umsatz

Neue Akteure drängen ans Licht, die Reaktionszeiten auf ­Veränderungen am Markt sind kürzer denn je, Geschäftsmodelle erodieren, neue ­entstehen, die Bezahlwelt wird vielschichtiger, und Kryptowährungen halten bei ­etablierten Banken Einzug. Das forciert eine hohe Flexibilität in den Unternehmensabläufen und die ­unternehmenseigene IT muss mithalten.

Die IT wird zunehmend zum Treiber der Geschäftsstrategie (Quelle: Cassini Consulting AG).

Die Rolle der IT hat sich im Zuge der ­Digitalisierung stark gewandelt: Noch vor wenigen Jahren hatte sie vorrangig unterstützende Aufgaben, etwa um die kaufmännischen Prozesse abzuwickeln oder die elektronische Kommunikation zu ermöglichen. Primäre Ziele waren Kostenoptimierung und eine stabile Performance. Heute ist die IT von strategischer Bedeutung und mitentscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit von Banken und Versicherungen: So geht es nicht mehr nur um Effizienzgewinne durch ­Informationstechnologie, vielmehr ist die IT in der digitalisierten Welt zusätzlich als zentrales Gestaltungselement der Unternehmensentwicklung zu verstehen. Gerade in der Finanzwirtschaft werden digitale Geschäftsmodelle immer wichtiger. Eine zukunftsweisende IT erfordert daher eine adaptive Nutzung der Ressourcen, sowohl in personeller und organisatorischer Hinsicht als auch bezüglich der Soft- und Hardware. 

Adaptive IT als Erfolgsfaktor

Laut einer Umfrage im Rahmen der „IT-Strategie-Studie 2017: Competence Center Adaptive IT“, die Cassini Consulting gemeinsam mit der Fachhochschule des Mittelstands in Köln 2017 durchgeführt hat, sehen mehr als 40 Prozent der befragten Manager eine adaptive Ausrichtung der IT als Garant für einen langfristigen Unternehmenserfolg. Gemäß der Studie der Cassini Consulting ist ein branchenübergreifendes, adaptives Modell zunehmend der Schlüssel zum Vorwärtskommen des gesamten Unternehmens und stellt die IT strategisch erfolgreich und zukunftsweisend auf. Die Leitung eines Unternehmens verfügt mit der adaptiven IT über ein wirksames Instrument, um die Vision des Unternehmens und die damit verbundene Strategie effizient und effektiv umzusetzen – und das trotz der volatilen Märkte und der sich ständig und schnell ändernden Rahmenbedingungen. Adaptive IT bedeutet, die IT so auszurichten, dass sie strategieorientiert, organisatorisch und technologisch einen Wettbewerbsvorteil bietet. Dazu muss die Unternehmensleitung die IT so orientieren, dass sie gewinnbringend und erfolgreich auf die Unternehmensziele einzahlt. Abhängig vom Bedarf des Unternehmens unterscheidet man zwischen einer fach­seitigen, geschäftskritischen sowie markt­differenzierenden IT, welche einen konkreten Wettbewerbsvorteil am Markt ­herbeiführt. 

IT als Teil der Wertschöpfung

Von marktdifferenzierender IT spricht man, wenn die IT-Leistungen die Umsatzchancen erhöhen. Beispielsweise ist das der Fall, wenn Künstliche Intelligenz die für jedes Wertpapier spezifischen, optimalen Kauf- und Verkaufzeitpunkte im Aktienhandel ermittelt. Ein weiteres Beispiel sind Chatbots. Sie kümmern sich als intelligente, persönliche Assistenten um den Kunden und versorgen ihn in Echtzeit mit Informationen und Antworten. Ergo: Der Kunde ist zufrieden und fühlt sich gut betreut. Und gut beratene Kunden halten ihrer Bank die Treue und empfehlen sie sogar weiter. Nicht zu vergessen, dass die elektronischen Helfer den Vertrieb entlasten und selber stets auf gleichbleibend hohem Niveau agieren, was indirekt ebenfalls zur Umsatzsteigerung beiträgt. Der Clou dabei ist immer: Es werden weiterhin keine Ressourcen in der IT des Unternehmens gebunden. Sondern der Fachbereich, zum Beispiel die Kreditabteilung oder die Anlageberatung, agiert selbst und baut entsprechendes Wissen auf. Die Organisationsstruktur befähigt die Fachbereiche dazu, auf Veränderungen am Markt eigenständig zu reagieren.

IT, die über Sein oder

Nichtsein entscheidet

Von einer geschäftskritischen IT spricht man, wenn der Ausfall von IT-Leistungen hohe Geschäftsrisiken für das Unternehmen birgt. Typische Beispiele sind das Kernbankensystem eines Finanzinstituts oder das Bestandssystem eines Versicherers. Die Verfügbarkeit dieser Systeme muss jederzeit gewährleistet sein, denn ein Ausfall hat weitreichende Folgen, die für die Bank oder die Versicherung katastrophal sein können. Nicht zuletzt deshalb reguliert der Gesetzgeber diese Systeme am stärksten. Es gibt ganz klare Vorgaben, wie sie zu funktionieren haben, was erlaubt ist und was nicht. Bei der geschäftskritischen IT ist demnach Revisionssicherheit eine Voraussetzung und fester Bestandteil der Anforderungen an Governance, Risk und Compliance.

IT für fachseitige Ansprüche

Schließlich gibt es noch IT-Leistungen, die vor allem aus Perspektive der Fach­abteilungen relevant sind. Um die intern vorhandenen IT-Ressourcen dafür nicht zu binden, legt man die Verantwortung für diese fachseitige IT in die Hände der jeweiligen Fachabteilung, die ihrerseits auf externe Anbieter zurückgreift. Auch Wartung und Service kann man externen Dienstleistern übertragen. Dabei ist eine unternehmensweite Governance unerlässlich. Im Finanzsektor könnten solche IT-Leistungen etwa ein Informations­programm zur Börsenentwicklung sein. Auch branchenneutrale Software, etwa für das Kampagnenmanagement, gehört in den Bereich der fachseitigen IT.

Warum der Chef selbst ran muss

Der grundlegende Vorteil des adaptiven Modells gegenüber einer eindimensionalen Betrachtung der IT ist die schnelle Anpassungsfähigkeit an das Marktgeschehen und veränderte Bedingungen: Die Unternehmensleitung muss die marktdifferenzierende oder die geschäftskritische IT bei Bedarf gezielt anpassen – also adaptieren – und so neue Geschäftschancen erschließen oder drohende Risiken abwenden. Letztlich ist die IT ein Teil des Change Managements, das die Finanzinstitute heutzutage permanent beschäftigt. Und die strategische Unternehmensentwicklung einschließlich Change Management kann nur in den Händen der Unternehmensführung liegen. Ein Manager wird auf längere Sicht nur dann erfolgreich agieren, wenn er verändernde Faktoren, wie die Volatilität der Märkte und die vielen Disruptoren, als Chance begreift, um seinem Unternehmen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Dabei muss er diejenigen Änderungen erkennen, die eine Adaptierung der IT erfordern und diese dazu befähigen.

Unternehmenskritische Auslöser

Diese Änderungen – die sog. Auslöser – lassen sich in vier Kategorien einteilen:

  • Signifikante Veränderungen am Markt („Market Change“)
  • Fusionen & Übernahmen („Mergers & Acquisitions“)
  • Regularien („Regulations“)
  • Unternehmensinterner Wandel („Organisational Change“)

Innerhalb dieser Kategorien existieren jeweils mehrere Auslöser. Nachfolgend sind einige von ihnen beispielhaft dargestellt.

Veränderungen am Markt:  fast alles ist im Fluss

Zu den marktbezogenen Auslösern gehören unter anderem die sich immer wieder ändernde Wettbewerbssituation, das sich wandelnde Kundenverhalten, die Nachfrage nach neuen Produkten und ihre Markteinführung. Hier ist die IT und allen voran der CIO permanent gefordert, dem CEO proaktiv Vorschläge zur Umsatzgenerierung zu unterbreiten. Eine adaptive IT versteht ganz selbstverständlich ihre Rolle darin, in Hinblick auf ständig neue Rahmenbedingungen mit ihrem ­Expertenwissen neue Geschäftsfelder aufzutun. So wird sie beispielsweise mit Hilfe von Predictive Analytics sehr wahrscheinliche Entwicklungen auf den Finanzmärkten vorherhersagen, damit das Banken­management bereits im Vorfeld das Produktportfolio darauf ausrichten kann.

M&A: kaufen, verkaufen und gekauft werden

In der Finanzwelt sind Expansionen, Fusionen, Übernahmen und Verkäufe sowie Carve-Outs und Eigentümerwechsel nicht ungewöhnlich. Und jede Änderung der Besitzverhältnisse oder der Unternehmensstruktur birgt für die Bankenleitung das Potenzial, die Position ihres Finanzinstituts durch adaptive IT zu stärken. 

Die Zauberformel hierfür lautet Transparenz plus Vertrauen. Von Vorteil ist hier die hohe Transparenz, die zu den Wesensmerkmalen der adaptiven IT gehört. Man weiß exakt, in welchen Unternehmens­bereichen und bei welchen Geschäftsprozessen die IT als geschäftskritisch oder marktdifferenzierend zu betrachten ist. Denn es ist definiert, welche Geschäfts- und IT-Prozesse welchem unternehmerischen Ziel dienen und mit welcher Maßnahme die konkrete Leistungserbringung erfolgt. Dieses detaillierte Wissen macht den gesamten Prozess, etwa bei einer Bankenfusion, ein ganzes Stück einfacher – von der Due Diligence-Prüfung bis hin zur Verschmelzung der beiden IT-Landschaften und weiterer Post-Merger-Aktivitäten, die die Transaktion erfolgreich machen.

Regulierung: wenn der Gesetzgeber eingreift

Die Zahl der regulatorischen Anforderungen in der Finanzbranche steigt ständig. In den letzten Jahren haben nationale und europäische Regulierungsbehörden hunderte Rechtsakte, Richtlinien und Verordnungen verabschiedet. Sie betreffen in starkem Maße die internen Kontrollmechanismen und wirken sich folglich in beträchtlichem Umfang auf die Governance aus. Governance bildet branchenspezifisch die Mechanismen und Regeln ab, die der Compliance unterliegen und die darum auf Prozesse und Organisation anzuwenden sind. Jedes Finanzinstitut muss also in seiner IT die Prozessabläufe, Templates und Inhalte entsprechend anpassen. Auch wirkt sich – wie bei den M&A-Aktivitäten – die durchgehende Transparenz der adaptiven IT vorteilhaft aus. Gesetzgeberische Anforderungen lassen sich viel schneller und zielorientierter umsetzen, wenn genau bekannt ist, an welchen Stellschrauben man drehen muss und wer die zu beteiligenden Per­sonen und Personengruppen sind.

Unternehmensinterner Wandel 

Unternehmensinterne Umwälzungen gibt es in Banken viele, etwa interne Umstrukturierungen und damit die Bestellung neuer Verantwortlicher. Auch bei diesem Punkt wird eine adaptive IT die Geschäftsleitung entlasten können. Die Erfahrungen zeigen, dass gerade Mitarbeiter in der zweiten Führungsebene nach einem Wechsel gern auf ihre bisherigen, für sie bewährten Instrumente zurückgreifen. Das können sowohl Managementmethoden als auch Softwaresysteme oder die persönliche Arbeitsweise sein. Durch die Anpassungsfähigkeit und die gleichzeitig vorhandenen klaren Regeln einer adaptiven IT kann die Geschäfts­leitung aber sicherstellen, dass die IT-Governance der gesamten Bank bzw. Versicherung davon unberührt bleibt und nur einzelne Werkzeuge angepasst werden.

Ja zur adaptiven IT – und dann?

Die IT der Bank – oder des Versicherers – soll hin zu einer adaptiven IT entwickelt werden; da ist sich das Management einig. Und dann? Der Weg dahin ist für jeden Finanzdienstleister individuell. Jedes Unternehmen muss seine eigene, für sich optimale Lösung finden. Ausgangspunkt sollte daher immer eine Bedarfsanalyse hinsichtlich Flexibilität und Stabilität der eigenen IT sein. Nur so lässt sich die Relation zwischen marktdifferenzierender, geschäftskritischer und fachseitiger IT sinnvoll ausbalancieren. 

Das Ziel ist eine adaptive IT, durch die die Bank marktorientiert und dynamisch agieren kann – sobald die Unternehmensleitung externe oder interne Veränderungen als Auslöser identifiziert hat, die dies erforderlich machen. Adaptive IT hat also strategische Relevanz.