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Modernisierung der Kernbanksysteme läuft an

Bei den privaten Banken in Deutschland investiert jedes zweite Institut in den kommenden zwei Jahren in eine Modernisierung des Kernbanksystems. Bei den Kreditinstituten mit individualisierten Prozessen und häufigem direkten Kundenkontakt sind es sogar zwei Drittel. 

Autor: Christian Appel, Partner PPI AG

Der Grund ist ein spürbarer Projektstau in den Geldhäusern, den viele Verantwortliche auf eine nicht mehr zeitgemäße Kernbank-IT zurückführen. Das zeigt der IT-Stauatlas 2016 der Unternehmensberatung PPI, für den Führungskräfte aus dem Sektor privater Banken befragt wurden. Digitalisierung und Regulierung – allein an diesen zwei Begriffen hängt ein großes Stück Zukunft der Bankenwelt in Deutschland. Gleichzeitig lösen sie allerhand Betrieb aus. Geschäftsprozesse müssen angepasst, neue IT-Lösungen implementiert, Online- mit Offlinewelt verzahnt werden. Für Groß- und Privatbanken mit stark auf einzelne Kundengruppen zugeschnittenen Prozessen hat beispielsweise der Ausbau der Vertriebswege in diesem Jahr Top-Priorität. Dazu zählen Informations-, Kauf- oder Anlageprozesse, die nach Möglichkeit zu jeder Zeit auf jedem Kanal begonnen und fortgeführt werden können. Derartige Großvorhaben lösen weitere flankierende Projekte aus. Datenschutz und IT-Sicherheit gehören ebenfalls zu den wichtigsten Plänen privater Banken. Doch mehr als jedes zweite private Bankhaus gerät mit seinen Projekten ins Stocken. Ein häufig genannter Grund: Das Kernbanksystem ist nicht leistungsfähig genug. Bei privaten Banken mit individualisierten Prozessen und häufigem direkten Kundenkontakt ist die Stausituation noch prekärer.

 

In diesen Geldinstituten haben zwei Drittel (68 Prozent) der Unternehmen Probleme bei der Umsetzung wichtiger Projekte, weil das Kernbanksystem bremst. Mehr als jede fünfte von ihnen hält das Herzstück ihrer IT ausdrücklich für nicht mehr zukunftsfähig. Kreditinstitute mit stärker standardisierten Verfahren – dazu zählen Direkt- und Transaktionsbanken – sowie spezialisierte Häuser wie Auslandsbanken sind etwas weniger betroffen. Die Auswirkungen des Projektstaus sind bereits erkennbar. Beispiel regulatorische Anforderungen: Im Durchschnitt sind geplante Meilensteine bei der Umsetzung von regulatorischen Vorhaben wie BCBS 239, MAD/MAR oder MiFID II erst zur Hälfte erreicht. Gleiches gilt für ­Digitalisierungsvorhaben wie den Ausbau der Online- und Mobile-Angebote. An weiteren wichtigen Projekten für 2016 steht ­bereits ein Fragezeichen am Fahrplan. Erste Stauopfer sind Zukunftsprojekte wie neue Big-Data-Lösungen. Sie wurden runter­priorisiert und stehen nur bei jeder fünften Bank im Fokus für das laufende Jahr.

 


Investitionen für Modernisierung rollen an

 

Speziell Groß- und Privatbanken bringt das hohe Alter der Kernbanksysteme in diese Bedrängnis. Jeder zweite befragte Bankmanager dort bemängelt, dass der technische Kern seit zehn Jahren fast unangetastet geblieben ist und nur kosmetische Veränderungen vorgenommen wurden. Die IT-Landschaft besteht zudem häufig aus Modulen verschiedener Anbieter. Für Veränderungen aus einem Guss müssen sämtliche dieser Einzelbausteine in Einklang gebracht werden. Das kostet Zeit und verschlingt Ressourcen. Damit nicht noch mehr Vorhaben stecken bleiben, sind deshalb in den Chefetagen der meisten privaten Banken die Weichen für eine Modernisierung der betagten Kernbanksysteme gestellt worden. Nur elf Prozent der Institute sehen erst einmal keinen Verjüngungsbedarf an ihrem IT-Herzstück. Von den Kreditinstituten, die modernisieren wollen, ist allerdings nicht unbedingt ein Paradigmenwechsel zu erwarten – beispielsweise hin zum kompletten Outsourcing der Kernbanksysteme an einen IT-Spezialisten. Eine Komplettauslagerung haben nur 16 Prozent der befragten privaten Institute vor. Vor allem Banken, die intern schon viele Abläufe sowie ihr Geschäft stark standardisiert haben, verfolgen diesen Weg. Die Großbanken und Privatbankiers verhalten sich konservativer. 35 Prozent wollen das aktuelle System auf eine moderne Architektur in Eigenregie umstellen und betreiben – und das, obwohl gerade diese Bankengruppe die Software Marke Eigenbau als Problemherd ausgemacht hat. 25 Prozent sehen nur an einzelnen Stellen Erneuerungsbedarf. Sie denken lediglich über neue Module nach. Das Ziel ist bei allen Maßnahmen allerdings gleich: Wenn vorne beim Kunden neue Produkte und Leistungen entstehen, die auch Veränderungen in den Kernbanksystemen auslösen, soll das künftig kein großes Problem mehr darstellen und deutlich schneller gehen. 

 

 

Outsourcing: Skepsis in puncto Effizienz

 

Die Abneigung vieler privater Banken gegenüber einem Schritt in Richtung Komplettoutsourcing basiert auf einer Angst vor Kontrollverlust. Die Kernbank-IT bildet die funktionale DNA einer Bank ab, das verbaute Wissen und die abgebildeten Prozesse sind Alleinstellungsmerkmale gegenüber Wettbewerbern. Eine Komplett­auslagerung erfordert deshalb viel Vertrauen in die Vorteile. Hier haben besonders Banken mit stark individualisierten Prozessen noch ein ambivalentes Verhältnis zu externen Partnern: Bei den Groß- und Privatbanken bezweifelt jeder zweite ­Studienteilnehmer, dass ein Auslagern der Kernbanksysteme Kosten einspart, weil beispielsweise weniger eigenes Personal für den Betrieb nötig ist. Andererseits ­wissen sie um die Vorteile, wie schlankere Strukturen, größere Reaktionsgeschwindigkeiten sowie die fest definierte Qualität der Leistung.

 

 

Bei der Modernisierung die nächsten Trends mitdenken

 

Ob Eigenentwicklung, Standardsoftware oder eine Auslagerung von Geschäftsprozessen die beste Lösung ist, hängt letztendlich von den Bedürfnissen der jeweiligen Bank ab. Auch unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten werden verschiedene Banken zu unterschiedlichen Antworten gelangen. Wichtig ist aber, dass bei der Entscheidung für einen Weg die Zukunftsfähigkeit des jeweiligen Systems berücksichtigt wird. Eine zentrale Frage sollte lauten: Ist das Kernbanksystem von seiner Architektur so offen her gestaltet, dass es die Bank bei der künftigen Ausrichtung ihrer Geschäftsstrategie und beim Reagieren auf künftige technologische Entwicklungen nicht einengt, sondern unterstützt? Potenzielle Sourcingpartner und die Verantwortlichen der internen IT sollten diese Frage mit Ja beantworten können. 

 

Information zur Studie

 

Der IT-Stauatlas 2016 der PPI AG untersucht, mit welchen Projekten sich deutsche Privatbanken (ohne Sparkassen und Genossenschaftsbanken) aktuell beschäftigen und inwieweit IT-Systeme die Banken in ihrer Geschäftsentwicklung bremsen. Im Rahmen einer CATI-Befragung (Computer Assisted Telephone Interview) wurden im Januar 2016 insgesamt 54 Führungskräfte in privaten Banken aus den Bereichen Organisation, IT, Business Development, Risk Management und Wertpapierservice befragt. Mit der Einbeziehung von 54 Instituten, die insgesamt eine Bilanzsumme von rund 800 Milliarden Euro erwirtschaften, wurde rund ein Viertel der insgesamt knapp 200 deutschen Privatbanken in der Studie berücksichtigt. 

Für die Auswertung wurden die Banken in drei Cluster gegliedert:  

 

  1. Banken mit individualisierten Prozessen und häufigem direkten Kundenkontakt -(Privatbanken, Regionalbanken, Großbanken)
  2. Banken mit standardisierten Prozessen und standardisiertem Kundenkontakt (Investmentbanken, Direktbanken, Autobanken, Transaktions-/ Wertpapierhandelsbanken)
  3. Banken mit spezialisierten Prozessen und wenig Kundenkontakt (Auslandsbanken und sonstige Banken)