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24.11.2017 von hs

Fintech-Startups zwischen Aufbruch und Ernüchterung

Der Begriff Finanztechnologie, kurz Fintech, ist in Mode gekommen. Vordergründig betrachtet besagt er eigentlich nichts weiter, als dass der technische Fortschritt längst in der Bankenwelt Einzug gehalten hat. 

Zuerst gab es die Geldautomaten, dann kam die Kontoführung per Internet, und jetzt erledigen wir unsere Finanzgeschäfte bereits über das Smartphone. Diverse Apps ermöglichen es uns, vielerlei Zahlungsvorgänge relativ bequem von unterwegs abzuwickeln. 

Das Charakteristische an dem Kunstbegriff Fintech beschreibt deshalb weniger den allgemeinen technischen Fortschritt, sondern den Wandel dahinter, im Verhalten und der Einstellung der Nutzer. Denn der Bankberater wird durch jede neue ­Innovation ein bisschen überflüssiger. Die Macht hat sich so sukzessive in Richtung des Kunden verlagert, der sich heute im Netz relativ eigenständig und unabhängig einen Überblick über das Für und Wider einzelner Geldanlagen verschaffen kann. Genau diesem Umstand verdanken die so genannten „Fintechs“, also kleine und wendige Startups, die eigenständige Finanz­lösungen entwickeln, ihren derzeitigen Hype. Die Euphorie um diese neue Generation von jungen, frischen und kundenorientierten Banklösungen wiederum, sie scheint teilweise berechtigt, zum anderen Teil aber auch reichlich überzogen. Berechtigt ist die öffentliche Aufmerksamkeit um die Fintech-Startups zum einen, weil die jüngere Generation der vielleicht ­heute 30-Jährigen der Finanzwelt zumindest am Frontend der Beziehung zwischen Anbieter und Kunde eine lebendigere, weil weniger hierarchisch geprägte Präsenz verleihen wird. Die mobile Internet(r)evolution, sie ist deshalb alles andere als eine vorübergehende Erscheinung, im ­Gegenteil, sie hat gerade erst begonnen.

Überzogen ist der Hype um die neuen Bankarchitekten jedoch andererseits, wenn es darum geht, die Möglichkeiten der neuen Himmelsstürmer realistisch einzuschätzen. Denn die eine oder andere Finanzapp, das vermeintlich innovative Geschäfts­modell, das aber nur alten Wein in neue Schläuche füllt, hebeln die Bankenwelt nicht über Nacht aus. Die alten Spieler aus der Finanzwelt durch innovative IT-Player komplett zu ersetzen, bleibt deshalb ein Wunschtraum. Das Gesetz der irdischen Schwerkraft nach Isaac Newton gilt also für alle menschliche Wesen. Es zeichnet sich vielmehr eine friedliche Koexistenz ab. Die Banken öffnen sich dem Neuen, und die junge Generation kann durch die für den ­eigenen unternehmerischen Erfolg zwingend notwendigen Kooperationen mit der Branche weiter reifen und wachsen. Oft vollzieht sich der harte Aufprall in der Realität bei den zahlreichen Fintechs früher, als es so manchem Visionär lieb sein mag. 

Insofern bleibt die junge Szene mit dem Begriff „Finanztechnologie“ meist auf ihre Funktion als ergänzende Gliedmaßen zum Basiskörper (der Bank) reduziert. Die Fintechs allein werden es nicht richten können. Ob einem jungen Gründer und dessen Unternehmen in der Finanzwelt irgendwann mit einem gänzlich bahnbrechenden Geschäftsmodell der große Wurf gelingen kann, ist mehr denn je offen. 

Kurz: Das klassische Einlagen- und Kreditgeschäft der Banken lässt sich auch übers Netz nicht beliebig neu erfinden. Blicken wir deshalb, statt weiterhin über die Fintech-Revolution zu orakeln, in das Stimmungsbarometer der aufstrebenden Szene hinein. Beispielsweise stellt der FinTech Stammtisch Berlin alle zwei Monate eine offene Diskussionsplattform dar, in der die Protagonisten neue Entwicklungen rund um Paymentlösungen, Startup-Strategien und Finanzierungswege ausloten, also das gesamte Markttreiben unter die Lupe nehmen.

Fintechs boomen – Erfolg für Wenige

Kaum zu übersehen: Mittlerweile generieren derartige Insider-Events größere Teilnehmerzahlen, ob in Frankfurt, Hamburg, München oder Berlin. Bei einem der letzten Treffen in Berlin machte die Podiumsdiskussion deutlich, dass zwar immer mehr Fintech-Startups ins Rennen gehen. Die Enttäuschung zu hoher Erwartungen dürfte aber für so manchen Gründer vorprogrammiert sein. Denn die Zahl der bundesweit neu gegründeten Fintechs dürfte mittlerweile in die Hunderte gehen. Nur die Wenigsten werden ihre Mühen erfolgreich belohnt sehen. 

Es verwundert deshalb kaum, dass mit ­Jochen Siegert ein erfahrener Manager mit Paymentexpertise, heute beim Fintech-Inkubator FinLeap tätig, den hoffnungsvollen jungen Machern aus Berlin einige Empfehlungen mit auf den steinigen Weg gibt: Vor allem warnte der Payment-Experte die Fintechs davor, sich an die Gestaltung von mobilen Payment-Lösungen heranzuwagen. Der Markt für das Mobile Payment sei nämlich durch diverse Anbieter längst überversorgt, es würden nur ganz wenige große Lösungsspezialisten überhaupt das Rennen unter sich ausmachen. Diesem nüchternen Befund gibt es nichts hinzuzufügen. Im Klartext: Die neue Generation der unerfahrenen Fintechs ist gut beraten, ihren jeweiligen Zielmarkt genauestens zu sondieren – und entsprechend solide Benchmarks zu ­erstellen. Dies umso mehr, um die eigenen Ressourcen nicht von vorne herein „blind“ ins Nichts zu investieren, oder das mühselig eingesammelte Gründungskapital wieder leichtfertig zu verspielen. 

Das Beispiel Mobile Payment ist nur eines unter mehreren Marktsegmenten, auf dem es ziemlich übervölkert auf der Eisfläche zugeht. Es droht die Gefahr der „me-too“-Lösungen, also nur leicht modifizierter Produktlösungen, die am Ende weder den Kunden noch vermeintlichen Kooperationspartner glücklich machen. An dieser sensiblen Schnittstelle kann man den Start­ups nur raten, sich frühzeitig Expertise, vor allem in strategischer und betriebswirtschaftlicher Hinsicht, ins Boot zu holen. Am Ende bleibt trotz des einen oder anderen Wermutstropfens festzuhalten, dass das Glas bei den aufstrebenden Fintech-Start­ups halb voll und nicht halb leer ist. Der nachhaltige Trend lässt sich vor allem an diversen Fintech-Kapitalgebern und Inkubatoren festmachen, die mittlerweile global ins Rennen gehen. Deutschland bleibt zwar auch hier gegenüber den USA und Großbritannien in seiner Innovationsdynamik etwas zurück, aber immerhin, es spielt mit. 

Schaut man sich beispielsweise die Personalentwicklung beim Berliner Fintech-­Inkubator FinLeap an, so lässt sich das ­Potential unschwer erkennen: Das ­Besondere – nicht nur dort – ist übrigens die hohe Zahl an Bewerbungen von High ­Potentials, die aus dem konventionellen Banken- und Versicherungssektor kommen. Spätestens hier schließt sich der produktive Kreislauf zwischen alt hergebrachten ­Fintech-Lösungen aus der proprietären IT-Welt einerseits – und den neuen Anbietern, die mit offenen Lösungsansätzen punkten. Kurz, die Finanztechnologie bringt irgendwie alles unter einen Hut. Man sollte sich unter dem vagen Oberbegriff nur klar ­machen, worüber man konkret redet.