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12.04.2018 von hs

Versicherer stehen sich bei Innovationen selbst im Weg

Die deutsche Versicherungswirtschaft hat die strategische Bedeutung der Digitalisierung für die eigenen Geschäftsmodelle erkannt und investiert mehrheitlich in Digitalisierungsinitiativen. 

So geben 83 % der befragten Versicherungen in Deutschland an, zumindest punktuell Budgets für Digitalisierungsinvestments freizugeben. Dem steht gegenüber, dass nur 8 % der Versicherer einen funktionierenden Innovationsprozess etablieren konnten, bei dem innovative Geschäftsansätze mit erhöhter Geschwindigkeit konzipiert und in das Gesamtunternehmen überführt werden. Entgegen der gängigen Wahrnehmung droht die Digitalisierung der deutschen Versicherungswirtschaft somit nicht an der Investitionsbereitschaft, sondern an den internen Prozessen zu scheitern.

 

Dies ist ein zentrales Ergebnis der aktuellen Studie von zeb zum Stand der Digitalisierung in der deutschen Versicherungsbranche. Die Strategie- und Managementberatung, spezialisiert auf die europäische Finanzwirtschaft, hat Ende 2017 detailliert untersucht, wo deutsche Versicherer bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle stehen. Beteiligt an der Studie haben sich über 50 Entscheider von deutschen Versicherungsunternehmen, die nach Bruttoprämien gemessen zusammen ca. 60 % des deutschen Versicherungsmarkts ausmachen.

 

Stefan Geipel, Partner bei zeb und Initiator der Studie, erläutert: „InsurTechs sind die innovativen Leuchttürme der Versicherungsbranche und die Aufmerksamkeit für digital-disruptive Geschäftsmodelle ist sehr hoch. Entsprechend sehen wir mit der hohen Investitions- und Kooperationsbereitschaft einen starken Digitalisierungswillen unter den Versicherungsunternehmen. Dieser Wille wird jedoch nur zaghaft in die Praxis überführt. Es überrascht besonders, dass bisher nur jede zweite Versicherung eine Digitalisierungsstrategie mit einem strategisch definierten Projektportfolio entwickelt hat und die Verantwortlichkeiten für die digitale Transformation nur bei jedem vierten Unternehmen definiert und eingefordert werden. Möchten Versicherer an Schlagkraft gewinnen, müssen sie die digitale Transformation deutlich konsequenter angehen und vor allem Managementkapazitäten zielgerichtet einsetzen.“

 

Im Einzelnen ergab der zeb.digital pulse check, dass Versicherer in Deutschland mit ihren Prozessen, Daten und der IT noch nicht auf digitale Geschäftsmodelle ausgelegt und dadurch in ihrer Transformationsgeschwindigkeit gehemmt sind. Zumeist arbeiten sie erst an der Schaffung von Grundvoraussetzungen für die digitale Transformation, wie z.B. der Vereinheitlichung ihrer Datenformate und der Flexibilisierung ihrer IT-Architektur. Eine Echtzeitkonsolidierung von Daten bleibt Zukunftsszenario. Künstliche Intelligenz setzen sie mehrheitlich noch nicht ein, prüfen derzeit aber die Chancen der Technologie.

 

Auch ist der Grundsatz, vom Kunden her zu denken, nicht in der Praxis verankert. Während der Großteil der teilnehmenden Versicherungen angibt, die Bedürfnisse der Kunden zu kennen, bezieht weniger als die Hälfte der Versicherer die eigenen Kunden in die Produktentwicklung mit ein. Die Digitalisierung des Produktangebots erfolgt evolutionär. Komplexere digitale Angebote sind zumeist erst in der Entwicklung, disruptive Ansätze im Produktangebot nahezu nicht verfügbar.

 

Ein wesentlicher Aspekt für den Erfolg von Digitalisierungsinitiativen ist die Verankerung der notwendigen Innovationskraft im Management und der Organisation. Auch hier besteht Optimierungspotenzial: Herkömmliche Organisationsstrukturen mit klassischer Trennung von IT- und Fachseite sind gegenüber agilen Alternativen noch immer dominierend. Die befragten Unternehmen haben das Problem allerdings mehrheitlich erkannt. Immerhin 60 % gaben an, an der Überwindung kultureller Widerstände zu arbeiten. Milena Rottensteiner, Senior Consultant bei zeb und Mitautorin der Studie, bemerkt hierzu: „Gerade das mittlere Management empfindet die Unternehmenskultur in vielen deutschen Versicherungen als innovationshemmend und bemängelt eine geringe Risikobereitschaft und Fehlertoleranz. Hier kann das Leitkonzept des Digital Leadership helfen, bestehende Silos aufzubrechen und die digitale Transformation voranzutreiben.“

 

Eine abschließende Bewertung der Studienergebnisse nimmt Philip Franck vor, Senior Manager bei zeb: „Verschlafen Versicherungen in Deutschland die Digitalisierung? Das sicherlich nicht, aber es besteht Handlungsbedarf. So ist aktuell noch kein Versicherer auszumachen, der als Digital Leader gelten kann. Über alle Digitalisierungsdimensionen hinweg verorten sich die Teilnehmer im „unteren Mittelmaß“ – der digitale Reifegrad der Branche muss bestenfalls als ausreichend bezeichnet werden. Insbesondere mit Blick auf global agierende Internetkonzerne, die sich zunehmend intensiver für das Versicherungsgeschäft interessieren, gilt es jetzt an Geschwindigkeit zu gewinnen. Deutsche Versicherer müssen mehr wagen und ihren „Werkzeugkasten“ erweitern.“