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28.11.2018 von bf

"Versicherer müssen raus aus ihrem Kokon"

Veraltete IT-Strukturen sowie die in den Unter­nehmen vorhandenen Denkmuster sind die wichtigsten Digitalisierungsverhinderer in der ­Versicherungsindustrie. Wir sprachen mit Hans-Peter Holl, Vorstand Geschäftsbereich Versicherungswirtschaft der enowa AG, und Christian Kromann, CEO Tia Technology, über ­ihre Partnerschaft in Deutschland und wie sich Versicherer IT-seitig, methodisch und ­organisatorisch für die Zukunft aufstellen müssen.

Digitale Ökosysteme werden den Versicherern in Zukunft neue Märkte eröffnen

Herr Holl, seit über 20 Jahren begleiten Sie Digitalisierungs- und IT-Modernisierungsvorhaben von Versicherungsunternehmen in Deutschland. Wie erleben Sie die momentane Situation im Markt?

Holl: Das Digitalisierungsdilemma ist in der Versicherungsbranche hinlänglich bekannt. Die Herausforderungen prasseln von mehreren Seiten auf die Unternehmen ein. Zum einen erleben wir durch verändertes Nutzer- und Konsumverhalten seitens der Kunden einen massiven Druck, was die Geschäftsmodelle, also Produktgestaltung und die Vertriebswege, angeht. Auf der anderen Seite erhöhen sich der Wettbewerbs- und Technologiedruck seitens neuer Marktteilnehmer wie den InsurTechs und Aggregatoren. Am schwachen Kapitalmarkt können zusätzlich nicht die gewohnten Zinsen erwirtschaftet werden. Entscheider sind sich dessen durchaus ­bewusst und suchen aktuell nach dem richtigen Vorgehen, um am Puls der Zeit zu bleiben und Innovationen marktgerecht umsetzen zu können. Natürlich scheitert das schnelle Vorankommen in erster Linie an den veralteten IT-Systemen. Es muss aber auch eine Veränderung im Denken in den Unternehmen stattfinden.

Bleiben wir zunächst bei der IT. Im Frühjahr dieses Jahres sind Sie eine ­Kooperation mit dem dänischen Softwarehersteller Tia Technology für den deutschen Raum eingegangen. Was ­waren die Gründe?

Holl: Wir haben uns ganz intensiv mit der Frage beschäftigt, welche am Markt ­befindliche IT-Lösung die aktuellen ­Herausforderungen der Versicherer in Deutschland technologisch am besten lösen kann. Durch unsere Erfahrung kennen wir alle wichtigen, auch internationalen Anbieter im Markt, und Tia hat uns überzeugt. Tia verfügt über 65 Implementierungen weltweit mit mehr als 30.000 Nutzern. In Deutschland setzen es beispielsweise Element sowie die Konzept & Marketing GmbH ein. Das System ist offen, flexibel und skalierbar gestaltet, nutzt internationale Technologiestandards, um Partner und Multiplikatoren effizient anbinden zu können, und ermöglicht eine bemerkenswert ­kurze Time to Market für neue Produkte. Außerdem teilen wir die gleiche Vision in Bezug auf den Versicherungsmarkt. Wir sind uns beide einig, dass ein Aufbrechen vorherrschender Denkmuster bei den etablierten Versicherern stattfinden muss, sonst nützt die beste IT nichts.

Was meinen Sie damit, dass die vorherrschenden Denkmuster in den Unternehmen aufgebrochen werden müssen?

Holl: Versicherer müssen raus aus ihrem Kokon. Nur wenn sich die Versicherer in Zukunft stärker anderen Marktteilnehmern und marktfernen Unternehmen öffnen, sowohl strategisch als auch technologisch, werden sie langfristig erfolgreich sein. Sie müssen sich sogenannte digitale Ökosysteme schaffen. Und Tia setzt das seit Jahren bereits erfolgreich um.

Herr Kromann, vielleicht können Sie das an dieser Stelle vertiefen. Wie ist Ihr globaler Blick auf die Herausforderungen in der Versicherungsindustrie?

Kromann: Nun, ich kann die Einschätzung von Herrn Holl international nur ­bestätigen. Die Märkte verändern sich immer schneller, und die nationalen Grenzen werden rapide aufgehoben. Im Versicherungsmarkt stellt sich diese Situation noch schwieriger dar. Ich habe sehr lange Zeit im Bereich Investment Banking IT gearbeitet. Die Finanzbranche hatte eine sehr viel längere Zeit, um sich auf die Digitalisierung einzustellen. Sie haben zunächst ganz einfach ihre klassischen Produkte digitalisiert. Jetzt realisieren sie zusehends, dass auch die Leistungen rund um Finanzierung und Zahlung auf neuen, komfortableren Wegen erfolgen müssen. In der Versicherungsindus­trie haben wir diesen Luxus nicht. Versicherer müssen ihre Produkte aktuell nicht nur anpassen, sondern auch digitalisieren. Zunehmende Regulierungsbestrebungen machen dieses Vorhaben alles andere als einfach. Und da sind wir wieder beim Stichwort digitale Ökosysteme, was Herr Holl gerade bereits angesprochen hat.

Was kennzeichnet ein digitales Öko­system?

Kromann: Grundsätzlich bezeichnet ein Ökosystem ein Netzwerk von Unternehmen, Einzelakteuren, Institutionen und Verbrauchern, die interagieren, um kombinierte Dienstleistungen und gegensei­tigen Nutzen zu schaffen. Es dreht sich künftig alles um digitale Ökosysteme. Warum? Weil sowohl Versicherer als auch andere Marktteilnehmer die Herausforderungen nicht allein lösen können werden. Mit einem digitalen Ökosystem schaffen sich Versicherer einen Raum für Wachstum. Die effektivsten Ökosysteme entstehen, wenn sich Versicherer mit ­diversen externen Technologieanbietern und/oder InsurTech-Unternehmen sowie marktfernen Unternehmen zusammenschließen. Gartner nimmt an, dass bis Ende 2018 weltweit mehr als 80 Prozent der Lebens-, Sach- und Unfallversicherer InsurTech-Start-ups als Partner verpflichten oder aufkaufen werden, um ihre eigene Wettbewerbsposition zu stärken. Da hinkt die deutsche Versicherungswirtschaft definitiv hinterher. Außerhalb der Versicherungswirtschaft existieren ja ­bereits globale digitale Ökosysteme. Nehmen Sie nur die bekannten Vertreter wie Uber oder Airbnb. Diese Unternehmen stellen eine Plattform, die von einem Netzwerk von Dienstleistungsanbietern und -verbrauchern frequentiert wird und einen gezielten Nutzen im Leben der Konsumenten stiftet. Versicherer müssen sich jetzt mit einer entsprechenden Strategie positionieren, um auch Teil künftiger Ökosysteme zu werden.

Welche Marktchancen bieten sich Versicherungen durch digitale Ökosysteme?

Holl: Digitale Ökosysteme werden Versicherern in Zukunft neue Märkte eröffnen. Wir sind davon überzeugt, dass sich der Kunde der Zukunft, Stichwort Generation Z,­ kaum mehr für Versicherungen interessiert. Er möchte versichert sein, bei wem, ist zweitrangig. Er möchte sich auch nicht lange mit Versicherungen beschäftigen müssen. Daher müssen Versicherungen künftig direkt am sogenannten Point of Sale, sei es in Onlineshops oder im stationären Einzelhandel, als Kuppelprodukt mitangeboten werden. Dieses Geschäftsmodell bezeichnen wir bei enowa als ­„Invisible Insurance“.

Das heißt, der Vertrieb der Produkte wird zukünftig noch stärker über Partner funktionieren?

Holl: Ja, aber über Partner, die sich in ganz anderen Märkten außerhalb der Versicherungswirtschaft befinden. Die Versicherungen werden mit ihren Marken und Namen in den Hintergrund treten und über starke Partner mit Marktzugang außerhalb der Versicherungswelt Neugeschäft generieren. Das wirkt im ersten Moment disruptiv, bietet aber aus unserer Sicht echte strategische Wachstumschancen für Versicherer. Mit den traditionellen Versicherungsprodukten ist, mal salopp gesagt, kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Wachstum ist hier kaum mehr möglich. Wer zukunftsfähige Geschäftsmodelle umsetzen möchte, kommt um digitale Ökosysteme und starke, branchenfremde Partner mit Kundenzugang nicht herum. Hierbei begleiten wir die Versicherer von Anfang an, indem unser eigenes Ökosystem zum Tragen kommt – ein über die Jahre gewachsenes Netzwerk von Technologiepartnern, Branchenexperten, Versicherern und Start-ups. Vom Austausch innerhalb des Netzwerks profitiert jeder Teilnehmer.

Wie sieht diese Begleitung genau aus?

Holl: Mit der Handelshochschule Leipzig haben wir eine Methodik entwickelt, anhand derer Versicherer unterschiedliche Märkte auf Wachstumspotenzial untersuchen und geeignete Markteintrittspartner identifizieren können. Ein solches Projekt erfolgt in drei Schritten: Select, Focus, Amplify. Zunächst evaluieren wir mit den Versicherern unterschiedliche Märkte – Select. Für die Märkte mit dem größten Wachstumspotenzial und einer relativ geringen Markteintrittsbarriere identifizieren wir danach – Stichwort Focus – geeignete Multiplikatoren mit Marktzugang. Im letzten Schritt – Amplify – schaffen wir mithilfe des Tia Systems die entsprechende technologische Basis, um passende Produkte für die neuen Märkte schnell und effizient entwickeln und verwalten zu können und die Multiplikatoren anzubinden.


Kromann: Wichtig ist dabei, dass sowohl unsere agilen Teams als auch die von enowa die eigenen Erfahrungen gemeinsam mit den Unternehmen für die Implementierung nutzen. Wie schon betont, nützt die beste IT nichts, wenn die organisatorischen Rahmenbedingungen nicht passen.

Was müssen die Unternehmen organi­satorisch bei der Implementierung eines neuen Kernsystems beachten?

Kromann: Die Öffnung hin zu neuen Partnern – ob technologisch und wirtschaftlich – ist vor allem ein Change-­Management-Projekt über das ganze Unternehmen hinweg, nicht nur ein reines IT-Projekt. Es ist wichtig, dass alle Stakeholder den Wert des Projekts für das Unternehmen kennen, um es zu unterstützen. Es existiert ja die altbekannte Weisheit „Betroffene zu Beteiligten machen“. Nun, wir sehen das etwas differenzierter. Für uns gilt eher die Devise: „Betroffene zu Wissenden machen, damit diese als Beteiligte zum Erfolg beitragen können.“ Viele Unternehmen messen der aktiven Kommunikationsarbeit mit den Mitarbeitern nicht die notwendige Wichtigkeit bei. Dabei ist sie letztlich der Garant für den Erfolg. Der Effekt der besten IT bzw. des besten Geschäftsmodells kann nicht komplett zum Tragen kommen, wenn die Belegschaft – vom Topmanagement bis zum Sachbearbeiter – nicht die Notwendigkeit verstanden hat sowie sinnvoll, unterstützend und gestaltend in das ­Projekt eingebunden wird.

Nennen Sie uns zum Schluss in diesem Zusammenhang eine konkrete Maßnahme, die Unternehmen in ihren ­Digitalisierungsprojekten umsetzen können.

Kromann: Unternehmen können in ihren Projekten beispielsweise einen sogenannten „Executive Champion“ installieren – einen starken und leidenschaftlichen Anhänger der Projektziele. Dies ist ein äußerst wichtiger Schritt bei großen Programmen, der oft ausgelassen wird. Der Executive Champion ist Botschafter der Geschichte, dass das neue System die Organisation zu mehr Erfolg und Rentabilität führen wird – wovon alle im gesamten Unternehmen profitieren werden. Er sollte von Anfang an aktiv bis zur ­Go-live-Phase und auch nach Projekt­ende eingebunden sein. Entscheidend ist, dass der Executive Champion auch die Unterstützung von Führungskräften des Unternehmens und der IT erhält.

 

 

Hans-Peter Holl (li.), Vorstand Geschäftsbereich Versicherungswirtschaft der enowa AG und Christian Kromann, CEO Tia Technology