Versicherungsbetriebe

18.04.2019 von Stefan Metzger, Head Markets Insurance Continental Europe, Cognizant

Vereinfachung der Versicherungsvermittlung durch Blockchain

Die Blockchain-Technologie könnte Versicherungsmaklern helfen, ihre betriebliche Effizienz zu verbessern, indem sie intelligente Verträge für die Automatisierung wichtiger Prozesse nutzen. Dadurch können sie sich darauf konzentrieren, ihren Kunden höherwertige Dienste anzubieten und damit die Kundenbindung zu fördern.

Stefan Metzger, Head Markets Insurance Continental Europe, Cognizant

Die Art und Weise, wie Makler große und komplexe Geschäfte abwickeln, hat mit dem rasanten Tempo der digitalen Transformation der Geschäftswelt nicht Schritt gehalten. Großabschlüsse werden nach wie vor auf SharePoint-Servern und mit Excel-Tabellen verwaltet, eine Vorgehensweise, die zu unterschiedlichem Stand der Informationen, zu mangelhaften Prüfpfaden und der erneuten Eingabe derselben Daten durch verschiedene Parteien führt.


Um auch in Zukunft im Geschäft zu bleiben, benötigen Makler eine Lösung, mit der sie sich auf die Informationen – und nicht auf die Datenverwaltung – fokussieren können. Intelligente Verträge (Smart Contracts), die auf Blockchain-Technologie beruhen, können alle an einem Abschluss Beteiligten auf denselben Wissensstand bringen und Informationsbarrieren abbauen, wobei der traditionelle persönliche Austausch weiterhin erhalten bleibt.

Problembereiche von Versicherungsmaklern: Wo können Blockchain und Intelligente Verträge helfen?

1. Der Vermittlungsprozess

Die Einleitung des Vermittlungsprozesses hängt von der Art des Geschäfts ab. Bei Neugeschäften wird der Kunde einer Legitimationsprüfung (Know Your Customer, KYC) – ein Standardverfahren für die meisten Versicherer – und einer obligatorischen Prüfung zur Bekämpfung von Geldwäsche (Anti-Money Laundering, AML) unterzogen, während der Makler parallel dazu nach Angebotsoptionen auf dem Markt Ausschau hält. Für das Bestandsgeschäft arbeiten Makler mit etablierten und neuen Anbietern zusammen, um die besten Angebotsoptionen ausfindig zu machen.


Der Prozess der Kundenanlage erfordert jedoch zunächst die Durchführung der KYC- und AML-Prüfungen, deren Komplettierung Wochen dauern und den Vermittlungsprozess verzögern kann. Dann werden die gleichen KYC-/AML-Prüfungen noch einmal von den Unternehmen durchgeführt, die das Kundenrisiko versichern. Verzögerungen entstehen zudem durch den fortdauernden Datenaustausch mit traditionellen Instrumenten zwischen den Maklern vor Ort und den Leadbrokern. Und da die Pflege der Risikostruktur in der Hand der Leadbrokers liegt, müssen alle neuen Daten an diese vermeldet werden. Dies führt zu Verzug und Inkonsistenzen, die sich aus der verzögerten Aktualisierung der Risikoversion durch den Leadbroker ergeben, der diese den Maklern in anderen Weltgegenden verfügbar machen muss.


Durch die Nutzung von Blockchain können alle Parteien so zusammenarbeiten, dass risiko- und quotenbezogene Informationen (mit Ausnahmen) ungehindert ausgetauscht werden können, ohne von anderen, wie z. B. dem Leadbroker, abhängig zu sein.

2. Versicherungsbestätigung

Nachdem die Verhandlungen abgeschlossen und die gezeichneten Prozentsätze für jeden Versicherer vereinbart sind, bestätigen die Makler den Versicherern den Auftrag und veranlassen die Erstellung eines entsprechenden Dokuments. Diese Phase ist von vielen Mängeln gekennzeichnet: So kann es beispielsweise zu erheblichen Verzögerungen zwischen Bestätigung und Empfang des entsprechenden Dokuments vom Versicherer kommen. Außerdem ist der Kunde darauf angewiesen, dass der Leadbroker die Informationen an den Versicherer weiterleitet, dem er den Auftrag erteilt und von dem er das Dokument erhält. Umgekehrt sind Leadbroker darauf angewiesen, dass lokale Makler Informationen an die lokal nicht zugelassenen Versicherer weitergeben, bei denen sie abschließen und von denen sie das Dokument erhalten. Alles in allem ist ein hoher betrieblicher Aufwand nötig, um die erforderlichen Daten und Dokumentationen zu beschaffen und an einem Ort zusammenzuführen, um das Bestätigungsdokument ausfertigen zu können.
Der Nutzung von Blockchain ermöglicht es allen Parteien zusammenzuarbeiten, sodass der Platzierungsauftrag und das Bestätigungsdokument mit minimalen Transaktionen zwischen den Parteien ausgetauscht werden können.

3. Abwicklungsprozess

Nach Ausfertigung des Bestätigungsdokuments/Deckungsnachweises (Evidence Of Cover, EOC) leiten die Versicherer den Prozess ein, die zwischen Makler und Kunde vereinbarte Versicherungsprämie einzuziehen. Der Makler übermittelt technische und finanzielle Informationen über das Risiko an den jeweiligen Versicherer, um die Richtigkeit der Daten prüfen zu lassen. Schließlich gibt der Makler, vorbehaltlich der Zufriedenheit des Versicherers im Hinblick auf die technischen und finanziellen Gegebenheiten, die vom Kunden erhaltene Zahlung an den Versicherer weiter. Diese Prozessstufe erfordert ebenfalls einen häufigen Austausch zwischen Underwritern und Maklern sowie Maklern und Kunden. Der Informationsaustausch erfolgt über den Leadbroker, was zu einem Engpass führen kann, wenn ein schneller Informationsfluss entscheidend ist. Bei fehlenden Abrechnungsinformationen und Fehlern bei technischen Eingaben kann die Klärung mehrere Tage in Anspruch nehmen.


Mit Blockchain können alle Beteiligten zusammenarbeiten und genaue technische und finanzielle Informationen zeitnah austauschen.

4. Abwicklung des Versicherungsfalls

Im Schadensfall versorgt der Versicherungsnehmer den Makler mit allen Informationen, die hierzu relevant sind und von einem Underwriter für die Schadensregulierung verwendet werden können. Der Makler erstellt daraufhin eine Schadensakte, die allen Versicherern zugestellt wird, damit sie auf die Forderung reagieren können. Die Fehleranfälligkeit resultiert hier daraus, dass dieselben Forderungsinformationen an alle Versicherer weitergegeben werden, um diesen eine individuelle Reaktion zu ermöglichen. Und falls der Forderungsbetrag niedriger als ein vorher festgelegter Betrag ist, wird eine Skontro-Vereinbarungsklausel einzeln mit jedem Versicherer dieser Ebene geteilt, was den Vorgang zusätzlich verlangsamt. Es können auch neue Parteien wie Schadensachbearbeiter oder Gutachter ins Spiel kommen und eine weitere Koordination mit Maklern und Versicherern erforderlich machen, was zu weiteren Verzögerungen führt.
Mit Blockchain können alle Beteiligten die Zusammenarbeit und den Austausch von Schadensinformationen in Echtzeit bewirken und den Regulierungsprozess beschleunigen.

Blockchain und die Systematisierung des Prozesses

Inkongruenzen des Informationsgehalts entstehen während des gesamten Vermittlungsprozesses und nehmen mit der Anzahl der Beteiligten zu. Aus Compliance-Sicht wird das Problem zudem durch die fehlende Rückverfolgbarkeit der Daten verschärft. Eine mögliche Lösung besteht darin, alle Parteien über eine gemeinsame Plattform in eine Vereinbarung einzubeziehen, was die Informationsbarrieren verringern könnte. Dies könnte eine Art „virtueller Abschlussraum“ sein, wie ihn ein Blockchain-Netzwerk zur Verfügung stellt, in dem die in die Vermittlung involvierten Parteien in den verschiedenen Phasen des Versicherungsabschlusses ungehindert miteinander Informationen austauschen können, inklusive bei Schlichtungen und Schadensfällen.


Der Ausgangspunkt eines solchen Netzwerks wäre die Phase vor der Vermittlung, in der Leadbroker und Kunden Informationen über das Risiko austauschen. Der Leadbroker kann die AML- und KYC-Prüfungsergebnisse teilen, sodass sie schließlich von den Versicherern (vorbehaltlich wirtschaftlicher Erwägungen) sowie von lokalen Maklern, die dem Blockchain-Netzwerk beitreten, verwendet werden können. Der Prozess würde dann durch den Austausch von technischen und finanziellen Informationen beschleunigt. Rückfragen werden deutlich reduziert, was allen Maklern und dem an der Transaktion beteiligten Versicherer zugute kommt. Im Schadensfall würde die Flexibilität des Abschlussraums ermöglichen, dem Netzwerk neue Parteien wie Schadensachbearbeiter, Anwälte usw. hinzuzufügen. Da schadensbezogene Informationen mit allen Beteiligten im Netzwerk ausgetauscht werden, können die Schadensachbearbeiter schneller agieren und den Regulierungsprozess in die Wege leiten. Der Regulierer bleibt ununterbrochen Teil des Netzwerks und hat einen Rundumblick auf das Gesamtgeschehen.


Den Parteien des Abschlussverfahrens können unterschiedliche Privilegien zur Einsicht in die Informationen gegeben werden. Während Makler, Kunden und Regulierer berechtigt wären, alle im Rahmen der Transaktion hinzugefügten Informationen einzusehen, hätten die Versicherer nur einen eingeschränkten Zugriff. Sie würden Einzelheiten anderer Versicherer in dem Abschlussraum nicht einsehen können, wohl aber alle Informationen, die von ihnen stammen oder für sie bestimmt sind. Die einzige Ausnahme wäre die Anzeige des von jedem anderen Versicherer – mit verschlüsseltem Namen – gezeichneten und bestätigten Prozentsatzes innerhalb desselben Abschlussraums, damit alle Parteien wissen, wie sich das Risiko auf einer Ebene entwickelt.

Nutzung des Konzepts, Realisierung der Vorteile

Die Blockchain-Technologie befindet sich noch im Anfangsstadium, wobei durch kontinuierliche Iteration Chancen identifiziert und die Technologie weiterentwickelt werden. Wegen der besonderen Position, die Makler im Hinblick auf andere Parteien wie Kunden und Versicherer einnehmen, stehen sie im Mittelpunkt dieser Veränderung und können die Annahme dieser Technologie wirksam vorantreiben.
Das Versicherungsmaklergeschäft hat eine lange Tradition und bis in die heutige Zeit überlebt. Von Vorschriften bis zu den bekannten Geschäftsabläufen hat sich im Laufe der Jahre sehr viel verändert. Was sich jedoch nicht geändert hat, ist der grundlegende Charakter des Geschäfts: die Unterstützung der Kunden bei der Wahl des richtigen Mittels für die Risikoabsicherung. Angesichts der anhaltenden und grundlegenden Veränderungen in ihrem Wirtschaftszweig, müssen auch Versicherungsmakler mit der Zeit gehen und alte Geschäftsmodelle ändern oder sogar ganz aufgeben, um mit den Anforderungen ihrer Branche mithalten zu können.
Da die Technologie noch am Anfang steht, bietet sich der entscheidende Vorteil, zu den Erstanwendern zu gehören; Makler können so auf hohem Niveau an der Beseitigung von Akzeptanzhemmnissen mitwirken. Wenn sich die Blockchain-Technologie weiter verbreitet, können Makler nicht nur von reduzierten Betriebskosten profitieren, sondern erhalten auch die Möglichkeit, sich auf die Kernbereiche ihres Geschäfts zu konzentrieren.