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25.04.2018 von hs

Open Digital Banking – mehr als eine Vision

Die Anforderungen an Banken wandeln sich, das hat Auswirkungen auf ihre IT. Um den neuen Herausforderungen gerecht zu werden, stehen gewaltige Änderungen vor der Tür und entlang der Wertschöpfungskette entstehen neue Modelle, das berichten Werner Traidl, Chief Executive Officer der PASS MULTIBANK Solutions AG sowie Ole Barkmann, Head of Business Development Financial Solutions der PASS Consulting Group.

Ole Barkmann (li.), Head of Business Development Financial Solutions der PASS Consulting Group und Werner Traidl, Chief Executive Officer der PASS MULTIBANK Solutions AG sehen auch ihre Unternehmensgruppe in der Pflicht, den Banken geeignete Lösungen anzubieten

Nicht nur Google, Apple, Facebook & Amazon (GAFA) verändern Kundenanforderungen dramatisch. Omnichannel und Realtime sind für den „User“ von heute Selbstverständlichkeiten. Die Banken suchen in diesem Umfeld ihre Rolle. Kann ihnen denn dabei noch ­geholfen werden?

Barkmann: Wir leben heute in einer sehr heterogenen Banking-Welt mit unterschiedlicher Interpretation des Begriffs Digitalisierung sowie Stufen der Realisierung. So gibt es Geldhäuser, für die ist Digitalisierung bereits die Einführung eines Dokumentenmanagementsystems, die Automatisierung bestehender und heute manuell durchgeführter Prozesse oder die Auflösung von einzelnen Medienbrüchen.

Der Reifegrad anderer Banken variiert nach oben, sie nutzen bereits vereinzelt das Potenzial der Digitalisierung und schaffen durch den Einsatz moderner Technik und Architekturen komplett neue Prozesse. Neue Marktteilnehmer wie eine N26 oder die solarisBank, einer unserer Kunden, der auf unserer offenen Plattform das Geschäftsmodell „Banking as a Platform“ im Markt eingeführt hat, sind vom Start weg als Geldinstitute mit neuen Architekturen und vollautomatisierten Prozessen aufgebaut worden und schaffen gemeinsam mit Partnern ihr eigenes offenes Ökosystem. FinTechs, aber auch einige etablierte Banken zeigen bereits heute, wie sich mittels prozessualer Paradigmenwechsel lukrative Nischen besetzen lassen.

Traidl: Die GAFAs sind Impulsgeber – auch für das Banking. Mit der Einführung des Smartphones vor gerade einmal zehn Jahren haben wir alle gelernt, wie einfach es ist, Prozesse mit 100%iger Straight-Through-Processing-Rate und intuitiven Oberflächen gewinnbringend digital abzubilden.

Dies befeuert die Erwartungshaltung der Kunden und Bankmitarbeiter hinsichtlich Lösungen, die sich nicht nur auf den privaten, sondern auch auf den beruflichen Bereich ausgedehnt hat. Darauf müssen die Banken und somit auch wir die richtige Antwort finden.

Können Sie das noch etwas ausführlicher erläutern?

Traidl: Das Verhalten hat sich verändert, die Kunden erwarten, Finanzprodukte über Plattformen sowie online oder mobil zu erwerben, anstatt hierfür die Filiale aufzusuchen. Der Kunde verliert mit jeder neuen Interaktion die Scheu vor digitalen Services. Das löst fundamental neue Anforderungen an die IT-Architektur aus und provoziert permanent neue IT-Strategien eines Geldinstituts. Selbst bei komplexen Geschäftsanwendungen erwarten wir heute ein ansprechendes und selbsterklärendes User Interface mit geführten, automatisierten Prozessabläufen. Damit nicht genug: Produkteinführungen müssen schnell und einfach sein, das verlangt der Markt und somit auch die Fachabteilung. Einfacher Gradmesser für die Agilität ist die Dauer für die Bereitstellung eines neuen Produktes von der Konzeption bis zum Launch.

 

Stellt das nicht auch neue respektive weitergehende Anforderungen an die begleitenden Dienstleister?

Barkmann: Sicherlich reichen die herkömmlichen Zusammenarbeitsmodelle heute nicht mehr aus. Mit der reinen Umsetzung regulatorischer Anforderungen ist es nicht mehr getan. Wir müssen Software erstellen, die Banken, FinTechs und andere Finanzdienstleister in die Lage versetzt, schnell anpassungsfähig zu sein. Gelingen kann das nur im offenen ­Zusammenspiel der aktuellen technolo­gischen Möglichkeiten – lediglich dann lassen sich neue Wege beschreiten sowie flexiblere und bessere Prozesse etablieren.

Wie lautet die Antwort Ihres Unternehmens?

Traidl: Wir haben vor einigen Jahren damit begonnen, uns intensiv mit der Vision des Open Digital Bankings auseinanderzusetzen und dabei auf die Bereiche zu schauen, in denen wir Banken, Finanzdienstleister sowie FinTechs unterstützen und mit ihnen gemeinsam digitale Services und Produkte entwickeln können. Die Kunden sollen mit unserer Lösung besser, schneller und flexibler sowie in beliebig rekonfigurierbaren Supply Chains am Markt agieren. In den letzten beiden Jahren haben wir zum Beispiel Product Engines entwickelt, die nun bei mehreren Kunden im Einsatz sind. Mit diesen streben wir über einen Produktdesigner für Konto-, Anlage- und Kreditprodukte eine One-day-Sales-Readiness an.

Wandelt sich dadurch das Anforderungsprofil für Ihre Services?

Barkmann: Es hat sich schon einiges verändert. Hier greifen drei wesentliche Aspekte – der erste ist die Schnelligkeit: Wir müssen Kunden befähigen, unmittelbar auf neue Anforderungen zu reagieren, das heißt, eine kurze Time-to-Market und damit schnelle Produktumsetzungszyklen gewährleisten. Das Motto lautet: „Fail fast, fail cheap“. In enger Zusammenarbeit mit uns launchen unsere Kunden schnell neue Produkte – fliegen diese, perfekt! Nimmt sie der Markt nicht an, wird entweder nachjustiert oder das Produkt gänzlich aus dem Portfolio genommen. Erste Häuser haben ihre Anpassungsfähigkeit an dieser Stelle bereits deutlich erhöht und ein Stück weit das Mindset von Konzernen wie etwa Google übernommen.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die offene Architektur der „Open Digital Banking Technology“: Wir stellen eine Softwarearchitektur bereit, die es erlaubt, Drittanbieter wie FinTechs oder E-Commerce-Anbieter über unsere Banking-API in unsere Core-Banking-Plattform oder weitere Systemarchitekturen zu integrieren.

Und last but not least Skalierbarkeit und Prozessautomation: Über ein Straight-Through-Processing hinaus werden Prozesse verschlankt, mit Intelligenz für ­Entscheidungen versehen und mit einem Monitoring-Tool ausgestattet. Das ist unser Verständnis von digitalen Prozessen, mit denen Banken signifikante Deckungsbeiträge realisieren können. Für uns der entscheidende Schritt zum Realtime Enterprise und zu einer von der Stückzahl unabhängigen Wirtschaftlichkeit.

Wie sieht hier Ihre Blaupause eines Bankings von Morgen aus?

Traidl: Wir sind näher am Morgen, als viele glauben. Open Digital Banking – für uns ist das bereits heute mehr als eine Vision. Dazu benötigen wir eine offene Applikationsarchitektur via Banking-API für die Einbettung des Core Banking Systems in ein Open-Banking-„Ökosystem“. Ebenso entscheidend sind flexible Kon­figurationsmöglichkeiten für die Abbildung, Änderung oder Anpassung von Services, Produkten und Prozessen. Hier setzen wir auf Product Engines und Smart Agents. So kommt im Bereich Kredit etwa die PASS Loan Engine zum Einsatz, die ein automatisiertes und gleichzeitig hochgradig individuelles Design von Kreditprodukten ermöglicht.

Barkmann: Die Skalierbarkeit und Performance der Architektur und der Anwendung werden eine immer höhere Bedeutung erlangen. Unsere Banking-Lösung besteht aus einem Repository von Funktionen, Prozessen und Services zur kompletten Abdeckung aller Geschäftsbereiche einer Bank – von den Interaktions­kanälen mit den Kunden über CRM, die produktspezifischen Funktionen wie etwa Einlagen, Darlehen, Wertpapier bis hin zu Finanzbuchhaltung, Meldewesen, ­Accounting, Compliance etc. Das finden Sie so sonst nirgendwo am Markt!

Ist Ihr Haus bereits in der Lage, die ­skizzierte Landschaft abzubilden?

Traidl: Ja, PASS ist mittendrin, diese ­Vision mit der SolutionWorld Banking Realität werden zu lassen. Mit dem ­Package PASS MULTIBANK 7.0 ist ein bedeutsamer Schritt in die richtige Richtung gelungen. Nach fast zweijähriger Entwicklungsarbeit starten wir gerade den Rollout – bis Herbst 2018 werden wir über 20 Anwenderbanken auf die neue Applikation migrieren. Parallel hierzu ­arbeiten wir an dem Transfer dieses ­Produktkonzepts auf weitere Lösungen.

Im Detail: was leistet das Produkt bereits jetzt und welche Features werden später eingespielt?

Traidl: PASS MULTIBANK 7.0 wurde auf der neuen technologischen Plattform unter Microsoft Dynamics NAV 2017 entwickelt. Mit der 3-Tier-Architektur sowie innovativen, an den Microsoft-Standard angelehnten, Oberflächen, arbeitet die Bankanwendung auf einer Plattform, die auch zukünftig in engen Zeitzyklen neuesten Anforderungen gerecht wird. Die gesamte Bankanwendung hat einen Paradigmenwechsel vollzogen; diese arbeitet jetzt workflow-/prozessgesteuert und nicht mehr funktionsorientiert.

Weg von der konkreten Lösung. Wohin bewegt sich die Finance-Welt?

Traidl: Regulierung bleibt weiterhin ein Treiber, die SEPA-Einführung zeigte das eindrucksvoll. PSD2 und Instant Payments werden für neue Geschäftsmodelle sorgen. Eine entscheidende Rolle kommt zudem den großen Internetkonzernen zu, sie sorgen dafür, dass Bankprozesse in spezielle Kontexte eingebunden werden – so etwa das Mobile Payment in Messengerdiensten wie WeChat. Mit ihrem Kundenwissen, ihrem technologischen Know-how und ihrer Finanzkraft können sie die Spielregeln ändern.

Barkmann: In den kommenden fünf Jahren werden Geschäftsmodelle, die auf der Blockchaintechnologie basieren, Marktreife erlangen und können zum Beispiel Spezialbereiche wie das Akkreditivgeschäft oder das Wertpapiergeschäft disruptieren – nicht so schnell sehen werden wir das im Massenzahlungsverkehr. Neue Anbieter, die sich das zu Eigen machen, sind dann in der Lage, die Geschäftsmodelle der Banken anzugreifen. Diese Beispiele zeigen, vor welchen grundlegenden tektonischen Verschiebungen Banken stehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit greift auch hier Darwins Erkenntnis aus der Evolutionstheorie: nicht die Starken oder Intelligenten überleben, sondern die Anpassungsfähigen.