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13.03.2019 von hs

InsurTechs kooperieren mit den Etablierten

Kollaboration statt Disruption: Die von vielen prognostizierte Umwälzung in der Versicherungsbranche durch InsurTechs ist ausgeblieben. Stattdessen entwickelt sich der Markt in eine völlig andere Richtung. Immer öfter kommt es zum Schulterschluss zwischen den etablierten Versicherungskonzernen und den innovativen Start-Ups. 

"Der Versicherungssektor hinkte und hinkt hier anderen Branchen stark hinterher. So gesehen können die großen Unternehmen den InsurTechs dankbar sein", Rupert Schäfer, Managing Partner The Nunatak Group

Denn: Sieben Jahre nach dem Start der ersten InsurTechs konnten diese den großen Konzernen mit konkurrierenden Geschäftsmodellen bis dato keine nennenswerten Marktanteile streitig machen. Dies führt jetzt zu einer Neuordnung im Markt: Die namhaften Konzerne investieren zunehmend in die Start-Ups und entwickeln gemeinsam mit ihnen die Wertschöpfungskette weiter. Die Entrepreneure bringen hier agile Arbeitsmethoden und technologisches Knowhow in punkto Blockchain, Big Data, IoT und Machine Learning ein, die Konzerne punkten mit vertrauensvollen, bekannten Brands und dem bestehenden Kundenzugang.

Den Trend zur Kooperation statt der vielfach erwarteten Disruption belegt ein  Marktanalyse „InsurTech 2.0: Deconstructing the Buzzword“ der auf Digitale Strategien spezialisierten Unternehmensberatung The Nunatak Group. Für die Untersuchung zogen die Consultants aktuelle Marktzahlen heran und interviewten zahlreiche Branchenexperten. Die InsurTechs selbst, so belegt das neue Nunatak-Update-Paper, sehen ihre Rolle tatsächlich überwiegend darin, in Kooperation und weniger in Konkurrenz zu den etablierten Playern zu agieren. Nur eine Minderheit (neun Prozent) will die bestehende Wertschöpfungskette zerstören, 30 Prozent wollen sie vereinfachen.

 „InsurTechs haben die Versicherungsbranche radikal verändert – aber ganz anders als gedacht. Statt den großen Tankern Marktanteile abzunehmen, haben sie sich als innovative Beiboote positioniert, die auf Kollaboration setzen statt auf Disruption“, so Rupert Schäfer, Managing Director von The Nunatak Group, „die Kunst bei diesen Übernahmen wird es sein, die riesigen kulturellen Unterschiede im Mindset zwischen Konzern und Start-up zu bewältigen. Dieser Prozess kostet Zeit und Geduld. Wer das als Unternehmen nicht ernst nimmt und nicht mit einem nachhaltigen Change Management begleitet, frustriert am Ende alle: Die alt eingesessenen IT-Mitarbeiter und die jungen Wilden mit Bart und Wollmützen“.

 „Die großen Player haben die Methoden der Start-Ups verstanden und versuchen diese jetzt bei sich zu integrieren“, interpretiert Marc Eichborn, Chief Digital Officer des größten auf Krankenkassen spezialisierten IT-Dienstleisters Bitmarck. Die neue Allianz aus Konzernen und Start-Ups, so zeigt die Nunatak-Analyse, tritt dabei den weltweiten Tech-Giganten gegenüber, die ihrerseits kräftig in diesen Bereich investieren: Googles Mutterkonzern Alphabet etwa investierte erst vor wenigen Wochen 375 Millionen Dollar in Oscar Health, hinter dem u.a. Joshua Kushner als Mitbegründer steht. Amazon wiederum launchte erst dieses Jahr die eigene Versicherungsmarke „Amazon Protect“.

In einem Kurzinterview spezifizierte Rupert Schäfer, Managing Partner The Nunatak Group. 


Sind InsurTechs immer noch die größte Bedrohung für Versicherungsunternehmen?

Schäfer: Nein, im Gegenteil. Sie haben der Branche extrem geholfen, zukunftsfähig zu bleiben, und helfen dabei weiterhin.

Wie meinen Sie das?

Schäfer: Als sich die ersten Start-ups 2012 des Themas Versicherung angenommen haben, bekamen einige Manager in den etablierten Konzernen Angst vor Disruption. Sie dachten an Amazon und den Buchhandel. Und sie wussten: Sie sind der Buchhandel. Also haben sie Hunderte Millionen in alle Arten von Digitalisierung investiert, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das war auch dringend notwendig, der Versicherungssektor hinkte und hinkt hier anderen Branchen stark hinterher. So gesehen können die großen Unternehmen den InsurTechs dankbar sein. 

Disruption ist ausgeblieben: Sind InsurTechs also gescheitert?

Schäfer: Wenn man Erfolg daran festmacht, ob ein Start-up den großen Playern signifikant Marktanteile abnimmt, dann sind InsurTechs nicht erfolgreich. Disruption wie in der Musikbranche, wo MP3 und Streaming die CD abgelöst haben, findet bislang nicht statt. Dennoch haben InsurTechs hohe Erwartungen in die Innovationen von geschäftsmodellen geweckt. Die Zahl und Größe der Investments in diesen Sektor steigt seit 2016 kontinuierlich. Den etablierten Unternehmen geht es dabei um strategische Partnerschaften, um Wissenstransfer und Sicherung der eigenen Innovationsfähigkeit.

 Funktionieren diese Partnerschaften?

Schäfer: InsurTechs haben erkannt, dass sie als strategische Partner der großen Unternehmen viel bessere Chancen haben. Denn sie haben es bis heute schlicht nicht geschafft, ausreichend eigene Kunden zu gewinnen. Was sie besser können als die traditionellen Player, sind schnelle agile Entwicklungsprozesse und radikales Denken vom Kunden her. Das muss nun in den Konzernen und damit beim Kunden ankommen.

Wird das klappen?

Schäfer: Die Kunst wird sein, die riesigen kulturellen Unterschiede im Mindset zwischen Konzern und Start-up zu bewältigen. Dieser Prozess kostet Zeit und Geduld. Wer das als Unternehmen nicht ernst nimmt und nicht mit einem nachhaltigen Change Management Prozess begleitet, frustriert am Ende alle: die alteingesessenen IT-Mitarbeiter und die jungen Wilden mit Bart und Wollmützen.