Geldinstitute

13.05.2019 von ah

„Eine „Cashless Society“ ist auch nicht erstrebenswert“

Wie sich der Zahlungsverkehr in den kommenden Jahren entwickeln wird, dazu haben wir Experten befragt. Ole Barkmann, Head of Business Development Financial Solutions PASS Consulting Group, ist davon überzeugt, dass Bargeld nicht komplett aus unserer Gesellschaft verschwinden wird.

"Einen aus Kundensicht 100%-ig sicheren Zahlungsverkehr gab es nicht und wird es auch nicht geben." Ole Barkmann, Head of Business Development Financial Solutions PASS Consulting Group

Zu 1: Das ist zu kurz gesprungen. Die Frage wird doch sein, ob vor dem Hintergrund von peer-to-peer Zahlungen á la Swish in Schweden oder Instant Payment in fünf bis zehn Jahren Kreditkarten überhaupt noch eine Relevanz haben werden? Zumindest die physischen Kreditkarten werden spätestens dann weitgehend obsolet sein. Bargeld wird aus unserer Gesellschaft allerdings nicht komplett verschwinden. Eine „Cashless Society“ ist auch nicht erstrebenswert. Allein in Deutschland haben etwa 500.000 erwachsene Bürger keine Kontoverbindung und könnten somit ohne Bargeld nicht am ­gesellschaftlichen Leben teilhaben. Und was machen Einzelhändler im – sowieso infrastrukturschwachen – ländlichen Raum, in dem es an der entsprechenden Netz- und Breitbandabdeckung mangelt, die ihren Kunden in den Läden auch kein WLAN anbieten können, ohne Bargeld?

Zu 2: Ohne Banken kein Zahlungsverkehr. Zumindest gilt dies bei einem Geldtransfer von einem Ökosystem ins andere. Allerdings kann es passieren, dass die Ökosysteme der GAFAs so übermächtig werden, dass in 5 Jahren so gut wie kein Bedarf mehr besteht, Zahlungen außerhalb einiger weniger Ökosysteme zu leisten und dann könnte die etablierte Kreditwirtschaft in die Röhre schauen und die GAFAs mit ihren eigenen Bankinstituten profitieren.

Zu 3: Der entscheidende Punkt der Plattformökonomie ist, dass Kunden/Nutzergruppen über digitale Plattformen zusammengebracht werden und die Plattform die eigentliche Leistung nicht selbst erbringt. Das wirkliche Asset der Plattform ist also der Nutzen, den die Plattform beiden Nutzergruppen erschafft. Da der Zahlungsverkehr in Zukunft bei vielen Transaktionen immer weiter in den Hintergrund gerät, stellt sich die Frage, ob sich Kunden bewusst für eine Plattform entscheiden werden.

Zu 4:
Einen aus Kundensicht 100%-ig sicheren Zahlungsverkehr gab es nicht und wird es auch nicht geben – Taschendiebstahl versus Phishing und Trickbetrug mittels gestohlener Identitäten. Aufklärungsarbeit im Sinne einer Cyber Risk Education sollten Zahlungsdienstleister im eigenen Interesse leis­ten. Im zweiten Schritt ist ein Umdenken notwendig, um das eigene Verhalten den neuen Risiken anzupassen. Zum Beispiel ist die Nutzung von Passwort-Safes ein wichtiger Baustein gegen Cybercrime.
 
Zu 5:
Untersuchungen zeigen, dass man gut vier Mal schneller sprechen als tippen kann. Viele junge Leute senden sich heute Sprach- und keine Textnachrichten mehr zu. Dass Voice also kommen wird, ist nur eine Frage der Zeit, bis die bestehenden regulatorischen Hindernisse zur Freigabe der entsprechenden Skills durch Google, Amazon und Co. aus dem Weg geräumt werden.

Am POS werden wir in den kommenden Jahren eine andere Art des Kaufens sehen – will sagen, weg von der stationären Kasse und dem Warten davor – hin zu vielleicht intelligenten Einkaufswägen, die die Produkte beim Hineinlegen in den „Warenkorb“ einscannen und dann auf dem Weg hinaus den Kauf mit der Bezahlung abschließen. Oder, wenn ich mir eine neue Jeans ausgesucht habe, den Kauf gleich in der Kabine, am Regal oder in einer App abschließe. Damit wird das Bezahlen selbst ein Hintergrundprozess im Kontext des Kaufens werden, da die Kaufentscheidung in den seltensten Fällen erst an der Kasse getroffen wird.