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10.11.2017 von Süleyman Karaman, Geschäftsführer Colt Technology Services Deutschland

Donnerwetter in der Cloud

Versicherer erleben regelmäßig den Ausnahmezustand. Nach Unwettern müssen sie ­überdurchschnittlich viele Fälle gleichzeitig bearbeiten. Nicht nur die Prozesse sollten dafür optimiert sein, sondern auch die IT-Infrastruktur. 

Der Tropensturm Harvey bedrohte Millionen Menschen und kostet Milliarden Euro. Die amerikanische Großbank J.P. Morgan schätzte die versicherten Schäden in einer ersten Kurzstudie auf zehn bis zwanzig Milliarden US-Dollar. Ob diese Zahlen stimmen, wird sich zeigen. Spätestens dann, wenn die Menschen wieder in ihre Häuser zurückkehren, beziehungsweise in das, was davon übrig geblieben ist. Vor Ort beginnen dann die Aufräumarbeiten, bei den Versicherungen die Bearbeitungen der Schadensfälle. 

 

Solche Situationen erleben Versicherer immer wieder. Je nach Stärke des Unwetters melden sich auf einen Schlag zehn- oder sogar hunderttausende Kunden gleichzeitig. Dieser Andrang stellt besondere Anforderungen an die IT-Systeme. Damit diese nicht zusammenbrechen müssen Speicher- und Rechenkapazitäten flexibel erhöht werden können. Cloud-Lösungen helfen dabei. Sie bieten Speicherkapazität, Rechenpower und Software, die sich schnell nutzen lässt. Das schätzen immer mehr IT-Verantwortliche. Etwa 57 Prozent der Versicherungen sehen in den kommenden drei Jahren großen oder sehr großen Handlungsbedarf beim Thema Virtualisierung/Cloud. Das ist das Ergebnis einer Studie von PAC im Auftrag von NTT Data.

 

Digitalisierung verändert die Branche

 

Die Digitalisierung bietet aber nicht nur in Ausnahmesituationen Vorteile. Viele Versicherungen (63 Prozent) wollen künftig mit neuen Technologien direkter mit ihren Kunden interagieren. Etwa zwei Drittel (67 Prozent) der befragten Digitalisierungsverantwortlichen in deutschen Ver­­­­sicherungsunternehmen erwarten, dass sich ihr Geschäftsmodell durch die Digitalisierung deutlich verändern wird. Die ­Autoren der Studie schreiben deshalb in ihrem Fazit: „Agile IT-Umgebungen sind eine wichtige Grundlage für Veränderungsfähigkeit. Die Umsetzung responsiver und flexibler IT-Landschaften erfordert es unter anderem, starre Legacy-­Systeme durch Virtualisierung und Cloud-Architekturen zu ergänzen beziehungsweise schrittweise zu ersetzen.“ Was bei dem Thema Virtualisierung nicht vergessen werden sollte, ist das Netzwerk. Nur wer ein flexibles Netzwerk besitzt, profitiert auch von der Flexibilität der Cloud. 

 

Virtuell und schnell

 

Die großen B2B-Netzwerkanbieter haben sich auf die Anforderungen der Branche eingestellt und bieten Versicherungen Software Defined Networking (SDN) und Network Function Virtualization (NFV) an. SDN und NFV sorgen zusammen mit On-Demand-Diensten dafür, dass Netzwerke genauso flexibel erweitert werden können wie Cloud-Lösungen. In der Branche wird schon länger über SDN gesprochen, doch 2017 ist das Jahr, in dem SDN im Geschäftsalltag endlich ankommt. Bisher mussten Versicherer Investitionen in ihre Netze lange im Voraus planen. Wenn ein Versicherer mehr Bandbreite benötigte, begann die Planung Wochen oder sogar Monate vor der Bereitstellung. Es dauerte bis Anschlüsse und Leitungen verlegt und geschaltet wurden. Mit SDN und On-Demand-Services ändert sich das. Nun können Versicherer innerhalb weniger Minuten Bandbreite mit einigen Klicks anfordern, bereitstellen und nutzen. Sie können in einem On-Demand-Portal die Netzwerkleistung erhöhen oder verringern – und zwar immer dann, wenn sie diese benötigen. Nutzer definieren in dem Portal zwei Endpunkte, reservieren die dazugehörigen Ports und geben diese frei. Neben dem Land, der Stadt und dem Standort kann man die zugehörige Verkabelung wählen. Um einen Cloud-Port anzulegen, reserviert man einen Port und fügt ihn dem eigenen Konto hinzu. Sobald man zwei oder mehr Ports bereitgestellt hat, kann man sie in Minutenschnelle verbinden und dabei die VLAN-Konfiguration, die Bandbreite und das Preismodell auswählen. Versicherer haben die Wahl: Entweder sie bezahlen wie gewohnt feste Preise für längerfristige Verträge oder sie zahlen nur für die Zeit, in der sie eine bestimmte Bandbreite benötigen. Idealerweise lassen sich all diese Funktionen nicht nur über ein On-Demand-Portal nutzen, sondern stehen auch als API zur Verfügung, damit man die Netzwerkkontrolle in eigene Anwendungen implementieren kann. In anderen Branchen kommen solche SDN-Lösungen bereits zum Einsatz. ­Beispiel Berlinale: Im Herbst steigt der Bandbreitenbedarf des Filmfestivals rapide an, wenn die ersten Beiträge in Berlin eintreffen und die Sichtungen beginnen. Während der Festivaltage im Februar wird die Bandbreite je nach Verbindung auf 1 Gbit/s beziehungsweise bis zu 10 Gbit/s erhöht. Im Berlinale-Rechen­zentrum steht eine Internetanbindung zur Verfügung, über die Filme von Studios und Postproduktionen direkt auf die Server hochgeladen werden können. Diese Anbindung verfügt standardmäßig über eine Bandbreite von 1 Gbit/s. In den Wochen vor der Berlinale, wenn die Zahl der angelieferten Filme stark ansteigt, wird ihre Bandbreite ebenfalls auf 10 Gbit/s erhöht. Zwischen den Festivals, über den Rest des Jahres, ist der Bandbreitenbedarf grundsätzlich geringer.

 

Flexible Call-Center

 

Die On-Demand-Flexibilität lässt sich auch auf Voice-Lösungen übertragen. Versicherer können ebenfalls in einem Portal selbst Service-Zugangsnummern bestellen, verwalten und kündigen. Das ermöglicht eine rasche Kapazitätser­höhung von Call-Centern, zum Beispiel, weil nach einem Unwetter überdurchschnittlich viele Kundenanfrage bearbeiten werden müssen, oder weil eine ­Vertriebskampagne gestartet wurde. Bei professionellen Anbietern sind diese On-­Demand-Portale nicht nur für deutsche Service-Zugangsnummern verfügbar, sondern auch für Nummern aus weiteren Ländern. Außerdem sind idealerweise ­gesetzlichen Vorschriften hinterlegt. So können Versicherer sicherstellen, dass sie die örtlichen Vorgaben in jedem Land ­erfüllen, in dem sie aktiv sind.