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08.02.2019 von Lothar Lochmaier, Fachjournalist

Digitalbank 2.0 bleibt konzeptionelle Herausforderung

Während Innovatoren die Marktstellung der herkömmlichen Banken weiter angreifen, zeigen sich die Chancen und Grenzen der jeweiligen Spieler.

Schaut man sich die Nachrichtenlage zum Jahreswechsel 2018/19 genauer an, so gibt es einige bemerkenswerte Muster. Die wichtigste Nachricht: Der Hype um die sogenannten Kryptowährungen hat sich deutlich abgekühlt. Virtuelle Einheiten wie Bitcoin und Co. haben nicht nur nominell deutlich an Wert verloren, sie sind auch einem signifikanten, anhaltenden Vertrauensverlust ausgesetzt. Dieses Phänomen bleibt nicht auf den reinen ­Cybercash beschränkt, sondern erfasst das „blinde“ Vertrauen in jedwede Innovation. So titelte beispielsweise das Handelsblatt im November: „Bitcoin fällt unter 4.000 Dollar – nun wird die Blockchain selbst zum Problem.“ Klar ist: Letztlich greift der im vergangenen Jahr eingeleitete Vertrauensverlust auch auf den Bereich der IT-Modernisierung bzw. Optimierung der betrieblichen Kernbankensysteme über. Denn im vergangenen Jahr schien sich auch in der Fachwelt der Eindruck zu verfestigen, dass sich quasi automatisch, mit ein paar wenigen Mausklicks im Bereich der „Financial Blockchain“, neues Gold in der Prozessoptimierung würde schürfen lassen. Diese „Illusion“ dürfte sich nun als Eintagsfliege entpuppt haben.

Kryptowährungen kein Heilsbringer

Zwar testen nicht wenige klassische Banken und neue Spieler eingehend die entsprechenden Anwendungsszenarien zur Blockchain, Distributed Ledger Technologien bzw. Smart Contracts auf Herz und Nieren, jedoch hat sich bislang keines der proof of concepts als der in Aussicht ­gestellte disruptive, sprich revolutionäre Ansatz herauskristallisiert.

Wie so oft, auch bei klassischen IT-(Outsourcing)Projekten der Fall, lauert die Tücke in den Untiefen der Systeme. Die unzähligen Initiativen der konventionellen Banken in den vergangenen Jahren sprechen hier eine beredte Sprache. Nicht selten liefen die Kosten der unzähligen Modernisierungsinitiativen von Großbanken aus dem Ruder, längst bevor die avisierten Einsparpotentiale ihre Wirkung entfalten konnten.

So gesehen behält die Matrix komplexer Prozessorganisation, sinngemäß nach dem Motto „start smart, before you end in full disaster recovery“, mehr denn je ihre Gültigkeit. Mit den Worten des US-­Nationalökonomen Nouriel Roubini: „Der faire Wert des Bitcoin ist negativ“. Wollen wir das Kind aber nicht ganz mit dem Bade ausschütten: Natürlich hat der Kryptomarkt und seine unzähligen Varianten weiterhin seine experimentelle ­Berechtigung. Jedoch lassen sich die Innovationspotentiale aus Sicht der Banken nur mittel- bis langfristig heben.

Diese Lösungsformel gilt im übrigen für alle Spieler am Markt. Schaut man sich die Entwicklung neuer Online- und Smartphone-Banken in Deutschland an, so ist bislang kein großer Durchbruch ­erfolgt. Der viel versprechende Kandidat N26 internationalisiert zwar weiter, er ­erhält weiterhin ausreichend frisches ­Kapital. Doch zwischen Kundenzahl und profitabler Klientel gibt es einen Unterschied.

Es ist noch ein gutes Stück Weg bis zu einem längerfristig profitablen Geschäftsmodell, fast bei allen FinTechs. Eine ­rasante Entwicklung wie in den Nullerjahren bei den Direktbanken der Fall, ­diese Hoffnung dürfte sich so rasch nicht erfüllen. Es ist – wie im Fall von N26 – ein zähes Ringen um jeden Meter ­Bodengewinn gegenüber den klassischen Finanz­instituten.

Der Smartphone-basierte Ansatz von N26, damit vor allem die jüngere internetaffine Klientel erfolgreich zu adressieren, ist ebenso langfristige Überzeugungsarbeit, wie etwa analog beim Gestaltungsparadigma der Fidor Bank, die bis dato vor allem auf die Attraktivität von Social Media setzte.

Auch hier verläuft die Expansion zähflüssig. Die Münchner Bank hat ihren Finanz-strategischen Kurs schon des öfteren neu ausrichten müssen. Zunächst als eigenständiges Institut gestartet, dann später börsennotiert, hernach als Tochter bei einer französischen Großbank untergebracht – und: neuerdings segelt das ­Social Media Banking Konzept der ­Fidors wieder unter eigener Flagge.   

Auch der Blick auf die reinen Kundenzahlen erweist sich bei allen FinTechs nicht als betriebswirtschaftliche Zauberformel. Allein Kunden zu gewinnen, reicht nicht aus, wenn es sich dabei um wenig profitable, niedrigschwellige Bankprodukte handelt, wie das Girokonto oder Tagesgeld. Ohne Kooperation mit arrivierten Spielern funktioniert es nicht. Hochprofitabel zu sein, das erweist sich indes für alle Banken als Gratwanderung. Auch Robo Advisors und Künstliche ­Intelligenz müssen erst einmal unter ­Beweis stellen, mehr als hübsch anzusehende Zusatzspielereien zu sein, die am Ende doch wieder ein Mensch mit seinen Programmierkonzepten füttert, mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Keine Maschine nimmt dem Menschen das Denken ab

Was also wird das neue Jahr mit Blick auf eine gereifte „Digitalbank 2.0“ bringen? Vor allem erweist sich der Gartner Hype Cycle für die IT-Finanzindustrie als das passende Analysetool. Nach einer Phase der überzogenen Erwartungen sind wir jetzt auf dem Pfad der Erleuchtung gelandet. Sprich, jede IT-Innovation, gleich woher sie kommt und wie sie etikettiert wird, muss am Ende ihren praktischen Nutzwert unter Beweis stellen.

Weder ist überall, wo Innovation drauf steht, auch ein tatsächlich fortschrittlicher Inhalt enthalten, noch ist alles, was bislang erprobt und gut funktionierte, automatisch schlecht. Neue Besen kehren nur dann gut, wenn sie im Alltagsgeschäft gut kehren. Insofern dürfen wir uns mit Blick auf das Jahr 2020 nach dem Hype Cycle auf den Pfad der tatsächlich eingelösten Optimierungspotentiale freuen (Plateau der Produktivität).

Insofern behält die Fragestellung, welche großen neuen Spieler den Bankenhimmel in den kommenden Jahren dominieren werden, weiterhin seine Gültigkeit. Google, Apple, Amazon und andere Big Player aus der IT-Branche werden ihre strategische Position an der Nahtstelle zum Kunden weiter nutzen. Aber auch sie sind nicht unfehlbar und angreifbar, wie das Beispiel Facebook eindrücklich unterstreicht, wenn jüngere Nutzergruppen längst zur Alternative WhatsApp tendieren. Manch einer erinnert sich an das Beispiel Nokia: Der Hersteller von Mobilfunktelefonen war zu Beginn dieses Jahrtausends noch das innovative Maß aller Dinge, verlor dann aber plötzlich seine dominante Marktstellung. Keiner kann sich im agilen Zeitalter sicher sein, dass er sich auch nächstes Jahr noch auf den Lorbeeren des Vorjahres ausruhen kann.

Fazit

Solange deutsche Erfolgsbanken wie die Commerzbank und Deutsche Bank weiter schwächeln, solange öffnet sich der Horizont für neue Spieler weiter. Doch bis zum Himmel ist es ein weiter Weg, und der ­Erfolgsweg der FinTechs mit Anspruch auf vollwertige Banklizenz misst sich daran, inwieweit die Digitalbank 2.0 Altes und Neues erfolgreich wird kom­binieren können. Nichts geht dabei im Alleingang, sondern nur gemeinsam mit einem leistungsfähigen Ökosystem, das sich gemeinsam die Modernisierung der IT-Geschäfts­prozesse auf die Agenda schreibt. 

Der intelligente Umgang mit Smart und Big Data, Künstlicher Intelligenz, Automatisierung und allen weiteren Innovationsfeldern – all dies will solide entwickelt und dominiert sein. Falls die Auswertung von betrieblichen Daten jedoch nur Zeit und Geld kostet, aber nicht die richtigen Schlüsse für das Kerngeschäft nach sich zieht, dann ist die nächste Spekulationsblase perfekt. Ob uns in diesem „false positive“ Testszenario dann ein ­liebenswerter Roboter Bescheid sagt, dass wir jetzt unser Bankkonto deutlich überzogen  haben?