Geldinstitute

06.06.2019 von Mariola Marzouk, Global Head of Financial Crime and Fraud Insights, BAE Systems

Den Motor des Verbrechens stoppen

Suspicious Activity Reports (SARs), also von Finanzinstituten erstellte Berichte über verdächtige oder potenziell verdächtige Aktivitäten, sind das Kernstück vieler strafrechtlicher Ermittlungsverfahren. Zeitnahe und genaue Berichte von Finanzinstituten zeigen Zusammenhänge und decken Fehlverhalten auf, das, wenn es nicht eingedämmt wird, auf globaler Ebene Leben kosten kann. Für die EU-Mitgliedsländer ist das SAR-System unverzichtbar. Doch nicht alles ist in Ordnung. Europol, die Strafverfolgungsbehörde der Europäischen Union, hat im Bericht „From suspicion to action - Converting financial intelligence into greater operational impact“ eine Reform der derzeitigen Regelungen gefordert.

Der Europol-Bericht ist eine ebenso faszinierende wie erschreckende Lektüre. Finanzinstitute und die nationalen Financial Intelligence Units (FIUs), die im Rahmen der Geldwäschebekämpfung und der  Terrorismusfinanzierung für Finanztransaktionsuntersuchungen zuständig sind, haben seit Veröffentlichung des Berichts im Jahr 2017 bereits damit begonnen, einige der dort aufgeworfenen Fragen anzugehen. Drei Themen sind dabei besonders wichtig: Effizienz in der Verfolgung von SARs, die defensive Ausrichtung der Berichte und die Bedeutung von Bargeld für Geldwäsche.

 

  • Effizienz: Millionen von SARs werden jedes Jahr in der gesamten EU eingereicht, aber nur etwa zehn Prozent werden jemals untersucht und weniger als ein Prozent der Erlöse aus Straftaten werden beschlagnahmt. Aus Sicht der Kriminellen ist Geldwäsche eine Straftat, die selten verfolgt wird und eine niedrige Aufklärungsquote aufweist.
  • Defensive Berichte: Die Mehrheit der in der EU eingereichten SARs ist eher defensiv und stammt aus nur zwei Ländern, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden. Die Berichte werden von den Finanzinstitutionen oft so verfasst, dass diese sich gegen eine mögliche Strafverfolgung absichern und nicht, um Erkenntnisse weiterzugeben. Das Vereinigte Königreich hat das Problem erkannt und kürzlich etwa 3,5 Millionen Pfund zugesagt, um das SAR-System neu zu gestalten und sowohl die Technologie als auch die personellen Ressourcen im Companies House, der für die Unternehmensregistrierung zuständigen Agentur, zu stärken.
  • Einfallstor Bargeld: Die Mehrheit der eingereichten SARs bezieht sich auf Bareinzahlungen, Auszahlungen und Transfers. Bargeld ist immer noch König in der Welt der Kriminellen und die dazu erstellten SARs sind wichtig – aber sie beleuchten nur die Aktivitäten am unteren Ende der Wertschöpfungskette. Die Cash-SARs identifizieren die sogenannten „Läufer“ die illegale Mittel in das Finanzsystem einbringen und die Mittelherkunft verschleiern, nicht aber die „wirtschaftlich Berechtigten“ (ultimate beneficial owners), also die eigentlichen Nutznießer.

 

Diese drei Problemfelder führen in ihrer Kombination dazu, dass die Indikatoren von Straftaten, die unseren Gesellschaften den größten Schaden zufügen, nicht vollständig erfasst werden. Es wird prognostiziert, dass bis zum Jahr 2020 durch Cyberkriminalität 6 Billionen Dollar generiert wird, was den durch Verkauf illegaler Drogen erzielten Wert übertrifft. Allerdings wird der Drogenhandel durch den Menschenhandel noch in den Schatten gestellt – und ein Drittel der Opfer sind Kinder, mit denen die Menschenhändler die höchste Rendite erzielen. Durch Korruption, insbesondere durch bestechliche Beamte, gehen den international Milliarden Dollar dringend benötigter Einnahmen verloren. Die Schwellenländer sind davon überproportional betroffen.

 

Aber es kommt etwas hinzu, was das Problem noch verschärft. Die Innovationskraft der Banken wird durch das Open Banking (vgl. PSD2-Richtlinie) und andere Neuerungen gestärkt. Immer mehr Organisationen übernehmen Rollen, die bislang den Finanzinstituten vorbehalten waren.

 

Ein Beispiel ist das mexikanische Peer-to-Peer-Kryptowährung-Startup AIRTM. Mit AIRTM ist es möglich, jede beliebige Währung in eine andere Währung oder einen anderen Wert umzurechnen. Die AIRTM-Nutzer können Geld über einen normalen Bankdienstleister einzahlen, aber auch mit Kundenkarten, Geschenkkarten, Prepaid-Karten, Bargeld und Kryptowährungen. Der Gegenwert kann dann von jedem, an den er übertragen wird, in fast jede Währung gewechselt und abgehoben werden – derzeit sind rund 200 Währungen verfügbar. AIRTM ist als Geldserviceunternehmen (Money Services Business, MSB) registriert, entspricht den Vorschriften zur Verhinderung von Geldwäsche und ist verpflichtet, SARs zu erstellen.

 

Dieses Unternehmen ist nur ein Beispiel von vielen Fintechs, deren Größe und Zahl schnell wächst. Open-Banking-Vorschriften wie die PSD2-Richtlinie beschleunigen den Innovationsprozess – und das bedeutet auch, dass diese neuen Anbieter SARs erstellen. Für die Behörden, die die SARs auswerten, stellt dies eine weitere Herausforderung dar.

 

Kriminelle Banden können ihrem Geschäft mittlerweile sehr frei nachgehen. Die SARs werden auf nationaler und regionaler Ebene ausgewertet, aber die organisierte Kriminalität ist grenzüberschreitend. Sie nutzen Netzwerke, die auf Vertrauen und intensiver Überprüfung der Mitglieder basieren, und haben keine Probleme beim Austausch von Informationen und der Nutzung gemeinsamer Fähigkeiten und Ressourcen.

 

Es gibt eine Antwort: Ein Beispiel ist das „Project PROTECT“ in Kanada, ein weiteres die Joint Money Laundering Intelligence Task Force (JMLIT) in Großbritannien. In der gesamten EU schreibt die 5. Geldwäscherichtlinie einen besseren Informationsaustausch vor. Technologie steht dabei im Fokus.

 

Was können Finanzinstitute tun?

Das Problem ist die große Zahl der SARs – und dass deren Anzahl immer größer wird. Die Beseitigung von false-positives ist für die meisten Finanzinstitute der erste Schritt, gefolgt von einer Verbesserung der Qualität der eingereichten SARs, um dadurch eine effektivere Verfolgung zu ermöglichen.

 

Wie im Europol-Bericht ausgeführt wird: Schon sehr kleine Änderungen in den Algorithmen, die hinter diesen automatischen Systemen stehen, können die Anzahl der eingereichten SARs dramatisch beeinflussen, sowohl positiv als auch negativ."

 

Einige Banken verwenden bereits Transaktionsfilter, bei denen eine kleine Zahl zusätzlicher kontextabhängiger Regeln zum Einsatz kommt, um die Zahl der false-positives zu reduzieren – und dies kann dazu beitragen, die Zahl der eher defensiv ausgerichteten SARs zu reduzieren. Zu beachten ist, dass der Einsatz von Filtern und Regeln nicht mit dem bloßen Einsatz von Machine Learning gleichzusetzen ist. Die Banken, die diesen Prozess durchlaufen haben, melden einen Rückgang von false-positives um fast 60 Prozent und in einigen Fällen sogar um 90 Prozent. Für die Ermittler ist dies sehr erfreulich und für die Quantität und Qualität der Berichte stellt dies einen enormen Unterschied dar.

 

Das zweite, was Banken tun können, ist eine Verbesserung in der Berichterstattung, um den Anteil der SARs, die weiterverfolgt werden, zu erhöhen. Zum Teil werden bessere SARs durch die oben erwähnten Transaktionsfilter generiert. Aber durch den Aufbau eines intelligenteren, schnelleren und erkenntnisgestützten Berichtswesens kommt dieser Prozess erst richtig in Gang. Dies kann nur geschehen, wenn die Finanzinstitute in der Lage und bereit sind, mehr Informationen auszutauschen, nicht nur mit den Regulierungsbehörden, sondern auch mit Kollegen und Branchenverbänden. In der gesamten Branche zum Einsatz kommende Advanced Analytics-Programme können aus bestimmten Verhaltensmustern und Interaktionen, die Hinweise auf kriminelles Verhalten liefern, Erkenntnisse gewinnen und so zur Aufklärung beitragen.

 

Das Resultat ist etwas, über das regelmäßig gesprochen, das aber selten geliefert wird: die sogenannten Super-SARs. Die Technologie, einen sicheren und verschlüsselten Informationsaustausch zwischen allen Teilnehmern zu ermöglichen, die für die Verhinderung von Geldwäsche verantwortlich sind, ist bereits vorhanden. Aber der Wille muss vorhanden sein – und die Technologie muss einfach zu aktualisieren und kostengünstig sein, nicht zuletzt, weil ihr erfolgreicher Einsatz unweigerlich dazu führen wird, dass die Kriminellen ihre Taktik ändern.