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19.05.2017 von kpl

Brexit – Britische Versicherer stärker betroffen als deutsche

Viele britische und deutsche Versicherer betreiben Geschäfte im jeweils anderen Land. Im grenzüberschreitenden Geschäft agieren aber nur wenige Versicherungsgruppen über selbständige Tochterunternehmen, die im Ausland zugelassen sind. Möglich macht dies das Single-Licence-Prinzip, das mit einem Brexit auf der Kippe stehen würde.

Erteilt ein EU-Staat einem Versicherer die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb, gilt die Erlaubnis in allen EU -Staaten. Man spricht deshalb vom „Europäischen Pass“ oder dem Single-Licence-Prinzip. Durch einen Brexit würden diese wechselseitigen Passporting-Rechte wegfallen. Auf deutscher Seite wären vergleichsweise wenige Versicherer vom Verlust des Passes für Großbritannien berührt; das betroffene Prämienvolumen wäre gering. In Großbritannien dagegen wäre eine viel höhere Zahl von Versichern betroffen. Mit diesem Thema beschäftigt sich die neue Ausgabe der volkswirtschaftlichen Analysereihe „Makro und Märkte kompakt“ des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Die zentralen Erkenntnisse:

  • Während das grenzüberschreitende Geschäft mit Frankreich oder Italien überwiegend über inländische Tochterunternehmen abgewickelt wird, nutzen die Versicherer für das grenzüberschreitende Geschäft zwischen Großbritannien und Deutschland in starkem Maße die Möglichkeiten des europäischen Passes. Dabei zeigt sich, dass eine im Vergleich zu Deutschland größere Anzahl britischer Versicherer vom Verlust des „Europäischen Passes“ betroffen wäre.
  • Wünschenswert wäre, dass der gegenseitige Marktzugang erhalten bleibt. Dies würde jedoch gleiche Wettbewerbs- und Regulierungsbedingungen zwischen der EU und einem von diesem Wirtschaftsraum losgelösten Großbritannien voraussetzen.
  • Auf jeden Fall müssten sachgerechte Übergangsregeln vorgesehen werden, insbesondere auch für betroffene Lebensversicherungsverträge, deren Laufzeit weit in die Post-Brexit-Zeit hineinreichen kann.
  • Angesichts der hohen Komplexität und dem Zeitdruck der Verhandlungen wäre zudem für die notwendigen Anpassungen des Geschäftsbetriebs eine Implementierungsphase für die neue Rechtslage erforderlich.

Mit einem Anteil von gut einem Fünftel der europäischen Beitragseinnahmen ist Großbritannien der größte Versicherungsmarkt in Europa und weltweit die Nr. 4 hinter den USA, China und Japan. In der Lebensversicherung entfällt sogar ein Viertel der europäischen Beitragseinnahmen auf den britischen Markt, gegenüber einem Anteil des zweitplatzierten Frankreichs von 19 Prozent und 13 Prozent für den deutschen Markt.

In Großbritannien werden traditionell viele Risiken aus anderen Ländern gezeichnet

Die besondere Rolle des britischen Finanzdienstleistungssektors zeigt sich auch im Versicherungsbereich: Im Vergleich zur Wirtschaftskraft Großbritanniens ist der britische Versicherungsmarkt überdurchschnittlich entwickelt. Neben der hohen Bedeutung der privaten Altersvorsorge in Großbritannien ist dies vor allem darauf zurückzuführen, dass am britischen Markt traditionell viele Risiken aus anderen Ländern gezeichnet werden.

Auch in der Rückversicherung gehört Großbritannien zu den weltweit wichtigsten Standorten. Mit 6,7 Prozent der globalen Rückversicherungsbeiträge bleibt Großbritannien hier allerdings weit hinter dem Anteil Deutschlands (23,3 Prozent) zurück und ist hinter der Schweiz der drittgrößte europäische Rückversicherungsstandort.